"Sound of Germany" im Ersten:Grummeliges Grundrauschen

Sound of Germany

Entertainer Olli Schulz war im Sommer unterwegs in diesem Land, er erweist sich dabei als sensibler Fragensteller.

(Foto: NDR)

Auf seiner Deutschlandreise lauscht Musiker Olli Schulz dem "Sound of Germany". Ihm schallt Musikliebe entgegen - und einige Disharmonien.

Von Dennis Müller

Klirrende Bierkrüge, brutzelnde Rostbratwürstchen, kläffende Dackel - klingt so Deutschland? Vielleicht, wenn man den Titel Sound of Germany wörtlich nähme. Die neue Doku-Reihe mit Musiker Olli Schulz widmet sich allerdings eher der gesellschaftlichen Klangkulisse dieses Landes, das während der Dreharbeiten im Sommer zwischen Lockdown und Wahlen so tief verstimmt zu sein scheint.

An dem Unmut kann auch Schulz nichts ändern. Der ist fast überall spürbar, wohin sich der Hamburger Entertainer auf seiner Deutschlandreise begibt: Er besucht zum Beispiel einen von der Krise gebeutelten Alleinunterhalter in Chemnitz, der ihm erklärt, warum er die AfD wählt. Einen Obdachlosen, der durch den Song "I'm Alive" von Disturbed Mut geschöpft hat, sich aus der Drogensucht rauszukämpfen. Ein älteres Ehepaar, das Klassik liebt und sich offen der "Elite" zuordnet. Alle Leute, die Schulz innerhalb der drei Folgen "Wut", "Sehnsucht" und "Spaß" trifft, vereint die Leidenschaft für Musik. Und die meisten von ihnen ein grummeliges Grundrauschen, das Lastwagenfahrerin Rinet am treffendsten beschreibt: "Die Romantik ist vorbei."

Sound of Germany

Lkw-Fahrerin Rinet erzählt vom entschlossenen gesellschaftlichen Aufstieg ihrer Tochter.

(Foto: NDR)

Wer denkt, Frohnatur Schulz sei der Falsche, um durch die doch recht melancholische Reihe zu führen, der irrt. Nicht nur im gemeinsamen Podcast Fest & Flauschig mit Moderator Jan Böhmermann schlägt Schulz gelegentlich leisere Töne an, auch seine NDR-Dokumentation Die Geschichte eines Abends warf noch vor der Corona-Krise einen sensiblen Blick aufs Altern im Seniorenheim - und wurde währenddessen nur noch aktueller. Seine neue Reihe, für die erneut dieselben NDR-Redakteure verantwortlich sind, kommt da nicht ganz ran, weil Sound of Germany mehr roten Faden benötigt hätte als den Reiseführer und Fragensteller Schulz.

Die Gattung der Deutschlandreise mag zwar rechtfertigen, warum einige Gespräche eher an der Oberfläche kratzen, dennoch hätte man Schulz zugetraut, das Gehörte am Ende stärker einzuordnen und zusammenzufassen. So bleibt nach Sound of Germany ein Geräuschteppich ohne eingängigen Refrain - obwohl sich einer angeboten hätte: Es ist kompliziert. Für Musiker nach Corona, für Zuwanderer nach 2015, für Frauen nach wie vor. Dennoch muss man honorieren, dass die Doku kein simples Erklärfernsehen sein will, sondern den Zuschauern das Urteil darüber überlässt, welchem Befund welches Gesprächspartners sie am ehesten zustimmen.

Die spannendsten Momente liefert Sound of Germany immer dann, wenn einzelne Töne nicht zusammenpassen und sich Disharmonien in der Deutschlandsymphonie auftun. Kraftfahrerin Rinet beeindruckt zum Beispiel mit der Geschichte ihrer Tochter, die sich von der Hauptschule bis zum Master of Law hochgearbeitet habe, eine Geschichte sozialer Mobilität, die dieses Land immer seltener schreibt. Auch so klingt Deutschland.

Sound of Germany - Eine Deutschlandreise mit Olli Schulz, drei Folgen, ARD, Mittwoch, 22.30 Uhr, vorab in der ARD-Mediathek.

© SZ/tyc
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