Netflix-Serie "Sabrina" Dunkler, feministischer und politischer denn je

Dunkler, feministischer und politischer: Sabrina Spellman (Kiernan Shipka) kämpft gegen das Patriarchat.

(Foto: Netflix)
  • Mit der Original-Sitcom aus den Neunzigern hat Chilling Adventures of Sabrina wenig zu tun.
  • Die neue Sabrina ist der Inbegriff der Evolution amerikanischer Teenieserien in den vergangenen drei Jahrzehnten: Sexualität, politische Haltung und Hautfarbe werden darin offensiv verhandelt.
  • Chilling Adventures of Sabrina läuft auf Netflix.
Von Alexandra Belopolsky

Zelda Spellman schwingt den Hammer und trifft ihre Schwester auf den Kopf. "Wo ist Tante Hilda", fragt ihr Neffe Ambrose, als Zelda, Spaten über der Schulter, zum Haus zurückstolziert. "Sie hat mich genervt", antwortet Zelda, "also habe ich sie getötet und im Garten begraben." Einige Stunden später hinkt eine völlig verschmutzte Hilda stöhnend zurück zum Haus. "Mit jeder Tötung brauchst du länger um wiederaufzustehen", stellt Zelda fest. "Irgendwann wird die Zeit kommen, wo ich dich begrabe und du begraben bleibst." - "Du kannst. Mich. Nicht. Immer wieder. Töten", seufzt Hilda. "Ich bin deine ältere Schwester", sagt Zelda kalt, "es ist mein Satan-gegebenes Recht, dich zu töten."

Die Neuauflage der 90er-Jahre-Sitcom Sabrina - Total Verhext!, das wird schnell klar, hat jede kindliche Unschuld hinter sich gelassen. Dunkler, feministischer und politischer denn je, ist die neue Sabrina der Inbegriff der Evolution amerikanischer Teenieserien in den vergangenen drei Jahrzehnten. Die Geschichte der halbsterblichen jugendlichen Hexe, die zwischen der Hexenwelt und der Welt der Sterblichen die Balance sucht, erinnert eher an American Horror Story. In der Schule kämpft Sabrina für die Einrichtung eines "intersektionalen" Frauen-Klubs, "um das weiße Patriarchat zu stürzen". Zu Hause kämpft sie gegen religiösen Fanatismus und ein Ritual der Kirche der Nacht, bei dem ihr freier Wille und ihre Jungfräulichkeit dem Satan geopfert werden sollen.

Das Verhältnis von US-Serien zum Feminismus war schon immer kompliziert. In den Neunzigern war das ungeschriebene Motto für selbstbewusste Frauenfiguren: Feminismus durch Handeln. Das beste Beispiel dafür waren Buffy - Im Bann der Dämonen oder später Charmed - Zauberhafte Hexen. Die Heldinnen waren buchstäblich auserwählte Weltretterinnen, körperlich stärker und häufig klüger als all die Männer um sie herum, und sie hatten ihren eigenen Kopf. Auch wenn Buffy und Co. sich selbst nie als Feministinnen bezeichnet hätten, wurden sie für die Zuschauerinnen zu feministischen Heldinnen, die auch junge erwachsene Frauen für diese Serien begeistern konnten. Bis zum heutigen Tag sind erwachsene Frauen das Hauptpublikum von Serien (wie auch Büchern), die eigentlich Teenager ansprechen sollen. Dementsprechend durfte der visuelle Stoff auch blutiger werden - etwa in Vampire Diaries, Pretty Little Liars oder Riverdale.

Schwule Figuren müssen sich nicht mehr outen oder verteidigen. Und doch ist Homophobie ein Thema

Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ging der Trend im US-Teenie-Fernsehen deutlich in Richtung offensiver Feminismus. In Marvel's Runaways trägt eine der Heldinnen einen Pussy Hat - die pinke Mütze mit Katzenohren, die zum Symbol des Frauenprotests gegen Trump wurde.

In der Serie Riverdale, die zum gleichen Archie-Comics-Universum wie Sabrina gehört und ebenfalls eine dunkle Neuerzählung darstellt, wehrt sich Veronica gegen Slut-shaming und "toxische Maskulinität", während Betty sich darüber aufregt, dass die Footballspieler "Frauen wie ein Stück Fleisch behandeln". Die Rache der weiblichen Riverdale-Hauptfiguren an Frauenhassern und Vergewaltigern ist gründlich - ebenso wie die von Sabrina an den homophoben Sportlern, die ihre gute Freundin Suzie begrapschen und zusammenschlagen.

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Denn auch in der Akzeptanz von LGBT erklimmt Sabrina eine neue Stufe. Jahrelang konnte man keine homosexuelle oder queere Figur im Fernsehen sehen, ohne dass ihre Sexualität zum Thema eines Konflikts wurde. In dieser Hinsicht steht das Fernsehen an einem Wendepunkt. Wie auch Kevin Keller in Riverdale muss sich Sabrinas Cousin Ambrose weder outen noch verteidigen. Die Attacke auf Suzie in Sabrina und eine "Schwulenheilung" in Riverdale zeigen jedoch, dass Homophobie in den Serien weiterhin ein Thema bleibt.

Eine ähnliche Entwicklung lässt sich bei der Darstellung nicht-weißer Figuren beobachten. 90er-Serien waren für "quotenschwarze" Charaktere bekannt. In Sabrina - Total verhext! war dieser Platz dem Quizmaster zugewiesen - die einzige feste, mit einem schwarzen Schauspieler besetzte Rolle. In Veronica Mars war es Wallace, der beste Freund der Titelheldin. Auch dessen Freundin musste in den 2000ern noch schwarz sein. Das ist nun vorbei. Nicht-weiße Schauspieler spielen heute Figuren, bei denen die Hautfarbe nicht thematisiert wird - so wie in der Coming-of-Age-Dramedy Everything Sucks!. Mehr noch: Mittlerweile übernehmen nicht-weiße Schauspieler auch ursprünglich "weiße" Rollen - so wie Ambrose in den Sabrina-Comics.

Nein, die neue Sabrina hat wirklich nicht mehr viel mit der 90er-Sitcom zu tun. Beide Teenager-Hexen bewohnen nicht einmal mehr dasselbe Genre - es sei denn, man bemüht den sehr breiten Begriff "Fantasy". Das muss aber nicht heißen, dass die Fans der alten Serie die neue nicht mögen werden - auch sie haben sich schließlich weiterentwickelt.

Chilling Adventures of Sabrina, bei Netflix.

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