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Netflix-Serie "Jessica Jones":Eine angenehm untypische Heldin

Der vielleicht beste Einfall der "Jessica-Jones"-Macher ist aber die Besetzung von David Tennant als Kilgrave. Er ist bekannt für seine Rolle als Titelheld der britischen Kultserie "Doctor Who". Eine grundguter Außerirdischer, dessen übermenschliche Macht Tennant mit einer Fassade lässiger Sorglosigkeit spielte, hinter der grimmige Wut brodelte. Manchmal, wenn diese dunkle Seite überhand nahm, stellte die Serie die Frage, ob die Sicht des Helden auf Gut und Böse wirklich die Richtige ist. David Tennants Kilgrave ist jetzt der Doctor Who, der sich diese Frage nie stellt.

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Jessica mag im Vergleich zu amazonenhaften Überweibern wie Scarlett Johanssons "Black Widow" ("The Avengers") oder dem niedlichen Country-Girl-In-The-Big-City-Klischee von "Supergirl" eine angenehm untypische Heldin sein. Aber es wäre ein Fehler, die Missbrauchsfälle in "Jessica Jones" auf eine Kritik an klassischen Geschlechterrollen zu reduzieren. Ein Fehler, den die Figur des Polizisten Will begeht: Der ehemalige Elitesoldat ist es offenbar gewöhnt, jede Situation als Held zu meistern. Die Taten, zu denen er von Kilgrave gezwungen wird, lassen sein Selbstbild der Unverwundbarkeit zerbrechen.

Eine Frage der Machtverhältnisse

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Auch Jessica Jones hat Superkräfte. Gegen Kilgrave hilft ihr das aber nicht.

(Foto: Myles Aronowitz/Netflix; Netflix/PR)

Kilgrave ist nicht der einzige Täter in "Jessica Jones": Da gibt es die Mutter von Jessicas Jugendfreundin Trish, die ihre Tochter zum bulimischen Kinderstar erziehen wollte; die Anwältin Jeri, die im Scheidungskrieg mit ihrer Ehefrau und in der Liebesbeziehung zu ihrer Sekretärin immer skrupelloser und machtbesessener wird; und Kilgraves Eltern, deren Taten für den diabolischen Sohn auf die eine oder andere Weise verantwortlich sind.

Missbrauch ist nicht etwas zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, sondern unterschiedlicher Machtverhältnisse. Das Trauma, an dem die Opfer in "Jessica Jones" leiden, ist nicht so sehr die jeweilige Tat selbst. Sondern dass sie ihrer Selbstbestimmung beraubt und machtlos zurückgelassen wurden.

Jessica ist nicht zufällig zu Kilgraves Opfer geworden. Ihre besonderen Fähigkeiten haben sein Interesse an ihr geweckt. Ihr Trauma ist auch ein Gefühl der Schuld, dass sie das nicht hätte mit sich machen lassen dürfen. Jessicas Superkräfte hätten sie schützen sollen, aber haben sie überhaupt erst zum Opfer gemacht. So wie den Elitesoldaten Will. Anders als er lernt Jessica aber, ihre Machtlosigkeit einzugestehen. Und das ist der Moment, in dem Kilgrave seine Macht über sie verliert.