Süddeutsche Zeitung

Netflix-Serie "Jessica Jones":"Du hast jede Zelle meines Körpers vergewaltigt"

Eine traumatisierte Superheldin - wo gibt es denn so etwas? In der Serie "Jessica Jones" geht es nicht um die Rettung der Welt. Sondern darum, was Macht mit sexuellem Missbrauch zu tun hat.

Ein Satz hat gereicht, um Donalds Leben zu zerstören. "Du willst deinen Sohn hier lassen", soll der Fremde mit dem britischen Akzent gesagt haben, als er an einer roten Ampel ins Auto stieg. Und Donald - eigentlich ein fürsorglicher Familienvater - hat seinen weinenden zweijährigen Sohn ohne zu Zögern auf den Bürgersteig gesetzt. Dann ist er mit dem Fremden davon gefahren. Eine Woche lang hat niemand etwas von Donald gesehen oder gehört. "Meine Frau hat sich danach von mir scheiden lassen, und ich kann es ihr wirklich nicht übel nehmen", erzählt er, als er auf weitere Opfer des mysteriösen Mannes trifft, der sich Kilgrave nennt.

In "Jessica Jones" geht es um Missbrauch jeder Art

Das Trauma von Jessica Jones (Krysten Ritter), der Heldin der gleichnamigen Netflix-Serie, mag noch schlimmer erscheinen. Kilgrave hat sie vergewaltigt und zu einem Mord gezwungen. Aber in ihrem Teil des Marvel-Comic-Universums, in dem sonst Captain America, Iron Man und Thor regelmäßig die Welt und Daredevil New York retten, geht es nicht darum, wen es schlimmer erwischt hat.

Wenn Donald und all die anderen Opfer erzählen, was ihnen widerfahren ist, ist das mindestens so erschütternd wie Jessicas 13-teiliger Kampf mit ihren Erinnerungen und Schuldgefühlen. Missbrauch ist das zentrale Thema der Serie, und er fängt keinesfalls erst bei sexuellen Übergriffen oder einer Vergewaltigung an. Sondern immer dann, wenn Menschen etwas tun müssen, was sie nicht tun wollen. Macht in ihrer ursprünglichsten Form. Genau das ist die Superkraft des Gedankenkontrolleurs Kilgrave. "Du hast jede Zelle meines Körpers vergewaltigt, immer und immer wieder", sagt Jessica einmal zu ihm.

Kilgrave verteidigt sich so wie viele Vergewaltiger

Auch Jessica Jones hat Superkräfte, sie ist so stark, dass sie fahrende Autos festhalten und auf Häuser springen kann. Auch sie hätte das Zeug dazu, eine weltrettende Superheldin zu sein. Stattdessen ist sie Privatdetektivin mit selbstzerstörerischem Alkoholproblem. Eine weibliche Version der zerstörtesten Noir-Krimi-Figur, die man sich vorstellen kann, deprimierender als einst Bruce Willis in "Last Boy Scout".

Gebrochen, so wie Kilgraves andere Opfer. Eine junge Frau erzählt davon, wie sie auf seinen Befehl tagelang lächeln musste und erst jetzt, viele Monate später, ihr natürliches Lächeln wieder entdeckt. Andere tun sich selbst Gewalt an, schneiden sich Gliedmaßen ab oder die Kehle durch. Eine Studentin treibt Kilgraves Kind ab - im Gefängnis, weil er sie dazu zwang, ihre eigenen Eltern zu erschießen.

Immer wieder sind es Motive klassischer Missbrauchsfälle, von denen "Jessica Jones" erzählt. Kilgrave besitzt die Fähigkeit, dass jeder seine Befehle aufs Wort befolgt, schon seit seiner Kindheit. "Mein ganzes Leben lang wusste ich nie, was jemand wirklich will, wenn ich ihn um etwas bitte", behauptet er. Der pervertierte Streitpunkt vieler Vergewaltigungsprozesse, in denen sich der Angeklagte mit dem als Zustimmung interpretierten Verhalten des Opfers verteidigt.

Eine angenehm untypische Heldin

Der vielleicht beste Einfall der "Jessica-Jones"-Macher ist aber die Besetzung von David Tennant als Kilgrave. Er ist bekannt für seine Rolle als Titelheld der britischen Kultserie "Doctor Who". Eine grundguter Außerirdischer, dessen übermenschliche Macht Tennant mit einer Fassade lässiger Sorglosigkeit spielte, hinter der grimmige Wut brodelte. Manchmal, wenn diese dunkle Seite überhand nahm, stellte die Serie die Frage, ob die Sicht des Helden auf Gut und Böse wirklich die Richtige ist. David Tennants Kilgrave ist jetzt der Doctor Who, der sich diese Frage nie stellt.

Jessica mag im Vergleich zu amazonenhaften Überweibern wie Scarlett Johanssons "Black Widow" ("The Avengers") oder dem niedlichen Country-Girl-In-The-Big-City-Klischee von "Supergirl" eine angenehm untypische Heldin sein. Aber es wäre ein Fehler, die Missbrauchsfälle in "Jessica Jones" auf eine Kritik an klassischen Geschlechterrollen zu reduzieren. Ein Fehler, den die Figur des Polizisten Will begeht: Der ehemalige Elitesoldat ist es offenbar gewöhnt, jede Situation als Held zu meistern. Die Taten, zu denen er von Kilgrave gezwungen wird, lassen sein Selbstbild der Unverwundbarkeit zerbrechen.

Eine Frage der Machtverhältnisse

Kilgrave ist nicht der einzige Täter in "Jessica Jones": Da gibt es die Mutter von Jessicas Jugendfreundin Trish, die ihre Tochter zum bulimischen Kinderstar erziehen wollte; die Anwältin Jeri, die im Scheidungskrieg mit ihrer Ehefrau und in der Liebesbeziehung zu ihrer Sekretärin immer skrupelloser und machtbesessener wird; und Kilgraves Eltern, deren Taten für den diabolischen Sohn auf die eine oder andere Weise verantwortlich sind.

Missbrauch ist nicht etwas zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, sondern unterschiedlicher Machtverhältnisse. Das Trauma, an dem die Opfer in "Jessica Jones" leiden, ist nicht so sehr die jeweilige Tat selbst. Sondern dass sie ihrer Selbstbestimmung beraubt und machtlos zurückgelassen wurden.

Jessica ist nicht zufällig zu Kilgraves Opfer geworden. Ihre besonderen Fähigkeiten haben sein Interesse an ihr geweckt. Ihr Trauma ist auch ein Gefühl der Schuld, dass sie das nicht hätte mit sich machen lassen dürfen. Jessicas Superkräfte hätten sie schützen sollen, aber haben sie überhaupt erst zum Opfer gemacht. So wie den Elitesoldaten Will. Anders als er lernt Jessica aber, ihre Machtlosigkeit einzugestehen. Und das ist der Moment, in dem Kilgrave seine Macht über sie verliert.

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