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Netflix testet "Direct"-Funktion:Man nannte es Glotze

Netflix

Netflix als lineares Fernsehprogramm - das klingt wie ein Versprechen in Zeiten, in denen gestresste Streaming-Kunden nicht mehr unter gefühlt 5000 Serien- und Filmangeboten auswählen wollen.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Netflix mit seiner enormen Auswahl war der Gegenentwurf zum klassischen Berieselungsfernsehen. Jetzt testet der Anbieter ein lineares Programm, das für alle gleich ist. Gab's sowas nicht schonmal?

Von Claudia Tieschky

Wenn man in diesem November die Webseite der normalerweise aller Verschlurfung völlig unverdächtigen französischen Vogue ansteuert, erhält man ein gutes Bild von der Lage in Frankreich. Eine Bilderstrecke widmet sich mondänen Pyjamas, empfohlen werden Bezugsquellen für Corona-Stoffmasken ebenso wie Instagram-Accounts, die das Paris zeigen, in dem man jetzt nicht mehr herumlaufen kann. Die "Confinement" genannte Ausgangsbeschränkung in Frankreich ist weit strikter als in Deutschland, wer rauswill, muss einen guten Grund haben, und auch mit Grund darf man nicht weiter als einen Kilometer von daheim weg. So richtet man sich zu Hause ein, das Web ist zu einer Art exklusivem Ausguck in die Welt geworden, und offenbar ist es beruhigend zu wissen, dass man nicht allein am Ausguck hockt, sondern mit anderen zusammen, die das Gleiche sehen.

Caroline de Maigret zum Beispiel, deren Geschäftsmodell darin besteht, dass sie scheinbar exakt das Leben aus dem von ihr mitverfassten Buch How to be Parisian führt, zeigte im Corona-Frühjahr auf Instagram einmal nicht ihre einskommafünf Gesichtsausdrücke mit Sonnenbrille, sondern spielte eine Weile täglich eine Vinylplatte ab, was dann später Teil einer Titelstory über sie in der Zeitschrift Marie Claire war. Man könnte auch sagen: Das Gemeinsam- am-virtuellen-Fenster-Hängen wirft seinen eigenen Gesprächsstoff ab. Es ist ein bisschen wie man sich die Fünfzigerjahre vorstellt, nur ohne Kissen für die Ellenbogen.

In diesem leicht retrogetünchten Existenzzusammenhang muss man es wahrscheinlich auch sehen, wenn der Streamingdienst Netflix nun Frankreich als Testmarkt für eine irritierende Neuheit ankündigt. Seit 5. November erhalten französischen Nutzer über eine neue Funktion "Direct" Zugang zu einem linearen Netflix-Programm. "Lineares Programm" ist ein anderer Ausdruck für: "Wo was läuft". Sehen sollen dort alle Zuschauer in Echtzeit das Gleiche, teilt Netflix mit, nämlich die besten französischen und internationalen Eigenproduktionen wie Family Business, La Casa de Papel, The Crown oder Unorthodox. Falls man gerade nicht wisse, worauf man Lust hat, könne man sich hier überraschen lassen, ohne selber wählen zu müssen.

Auf Anfrage teilt ein Netflix-Sprecher noch mit, der "webbasierte lineare Feed-Test, der nur in Frankreich verfügbar ist", biete ein "Lean back-Erlebnis". Netflix mache solche Tests in verschiedenen Ländern - und werde sie breiter verfügbar machen, "wenn unsere Abonnenten sie nützlich finden". Gerade in Frankreich sei traditioneller Fernsehkonsum sehr beliebt, heißt es in einem Statement, Zuschauer schätzten dort ein gestaltetes Programm, "das vermeidet, dass sie selber aussuchen müssen, was sie sehen werden."

Einfach sehen, was alle anderen sehen, was für eine Befreiung!

Dafür gab es schon vor Netflix "Direct" einen Namen. Man nannte es Glotze. Wenn man es recht versteht, könnte also nun in Frankreich statt France 2 oder M6 oder 8 Mont Blanc in der Küche den ganzen Tag Netflix laufen. Gestresste Streaming-Kunden können sich ganz dem Genuss hingeben, nicht das eine, für diesen Ort, diese Stimmung und Befindlichkeit einzig richtige Programm unter gefühlt fünftausend Serien zu finden. Sondern sie werden befreit von Druck der Auswahl erleichtert den Direct Button drücken und einfach sehen, was alle anderen sehen. Und am nächsten Tag könnte man sich darüber unterhalten: Hast du das gestern bei Netflix gesehen?

Natürlich ist es nicht ohne Ironie, dass Netflix in dem Moment mit der Idee kommt, zum Fernsehsender zu werden, in dem die klassischen Sender genau in der Gegenrichtung unterwegs sind: Private und Öffentlich-Rechtliche entwickeln sich gerade immer mehr zu Mediatheken mit großen Programmlagern, die es wahlweise auch auf einer Programmtaste im Fernseher gibt. Die US-Streaming-Dienste haben die traditionellen Sender lange wie Lachnummern aus Ländern mit zu dunklen Glühbirnen aussehen lassen. Sie haben globale Produktionsstandards für hochwertige Serien zu Kriterien auch für, sagen wir ARD und ZDF gemacht. Es wird für alle möglichen Zuschauergruppen mehr produziert, und das, was produziert wird, muss besser aussehen.

Es gibt aber vielleicht Gründe, warum Zurück das neue Vorwärts sein könnte. Ist es nicht längst eine Hürde, Netflix oder Amazon überhaupt anzusteuern, weil es einfach sehr viel Energie verlangt, sich in der Vielfalt zurechtzufinden? Gerade erst hat zum Beispiel in Deutschland die Funke-Gruppe eine eigene Programmzeitschrift für Streaming-Angebot herausgebracht.

Das Fernsehen als Sehnsuchtsort ist etwas anderes. Keinesfalls hat es zu tun mit Riesenauswahl oder dem selbsterwählten Schauen als Form der Selbstoptimierung. Fernsehen als Sehnsuchtsort ist wie zusammen am Fenster zu hängen. Die digitale Transformation aber muss womöglich im Corona-Zeitalter andere Träume verkaufen als bisher. Das wahre Versprechen vom Fernsehen als Berieselung in der Küche oder im Wohnzimmer liegt nicht im besten und individuellsten Programm. Sondern in der Sehnsucht nach einem normalen Leben, in dem zufällig irgendwo ein Fernseher läuft.

© SZ/tyc
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