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Medienkolumne "Abspann":Vorwärts in die Vergangenheit

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Angewandte Nostalgie: Radio in klassischer Ausführung.

(Foto: imago images/Shotshop)

Die großen Techvisionen stagnieren. Geht wenigstens das digitale Entertainment neue Wege? Netflix, Spotify und Co. waren mal angetreten, alles zu ändern - orientieren sich nun aber eher am Gestrigen.

Von Quentin Lichtblau

In der besten Szene der besten Serie des Jahres, Devs, wird dem gerade frisch angestellten Programmierer Sergej bewusst, an was für einer Erfindung er bei einem mysteriösen Techkonzern eigentlich mitarbeiten soll: "Das ändert alles", sagt er zu seiner Kollegin beim Anblick eines Quantencomputers, der alles Vergangene und Zukünftige berechnen kann. Sie antwortet: "Nein, das ändert absolut gar nichts - genau das ist der Punkt."

Und wenn man sich ansieht, was große Digitalunternehmen gerade als Neuentwicklungen anpreisen, stimmt ihr Satz im doppelten Sinne: Die großen Techutopien sind mindestens vertagt, Orte wie das Silicon Valley üben sich in Einfallslosigkeit. Stellenweise hat man sogar das Gefühl, es ginge zurück in die Vergangenheit. Bleiben die Versprechen von autonomen Autos, Unsterblichkeit oder Zeitreisen unerfüllt, setzt man beispielsweise im Entertainmentbereich neuerdings auf eine Rückkehr zu Altbewährtem: Streaming-Anbieter wie Disney Plus veröffentlichen Serienfolgen plötzlich wieder im angestaubten Wochenabstand. Netflix, in den Zehnerjahren der TV-Killer mit Qualitätsgarantie, produziert mittlerweile Trash-Shows, die auch auf RTL 2 laufen könnten. Das ehemals neuartige und distinguierte Binge-Watching verwässert zurück zum getakteten Allerlei - und damit zum linearen Fernsehen.

Auch der Audio-Gigant Spotify wirbt dieser Tage für ein angeblich revolutionäres Konzept: "Eine neue Audio-Erfahrung, die Ihnen Gespräche und Musik in einer nahtlosen Sendung liefert", heißt es aus der Firmen-PR. Künftig müsse sich der Nutzer also nicht mehr zwischen Podcast und Musik entscheiden. Die Älteren unter uns werden sich dabei an ein Gerät namens Radio erinnern. Und an die dort laufenden Programme, denen diese abgefahrene Mischung schon seit hundert Jahren gelingt. Immerhin: Das Ganze hat zumindest ein bisschen was von Zeitreise.

© SZ/hy
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