Netflix-Serie "Archive 81":Oh Raunen, oh Dunkelheit

Lesezeit: 3 min

Netflix-Serie "Archive 81": Melody (Dina Shihabi) will Interviews mit den Bewohnern eines alten Gebäudes in Manhattan führen - dann hört sie seltsame Stimmen.

Melody (Dina Shihabi) will Interviews mit den Bewohnern eines alten Gebäudes in Manhattan führen - dann hört sie seltsame Stimmen.

(Foto: Clifton Prescod/Netflix)

Mystery-Elemente funktionieren super in Serien. Netflix schlachtet die Formel mit "Archive 81" so besinnungslos aus, dass funkelnder Trash daraus entsteht.

Von Philipp Bovermann

Die "Geheimniswitterei", wie die Sozialpsychologin Pia Lamberty es einmal nannte, steht derzeit hoch im Kurs - bei Menschen, die von düsteren Kräften hinter Regierung und Medien fantasieren, schon länger aber auch bei Serienproduzenten. Wer in den vergangenen zwölf Monaten nicht in den Schlund mindestens eines Titels gezogen wurde, der über Stunden lustvoll um ein sich immer weiter auffächerndes Rätsel im Kern der Handlung kreist, werfe die erste Fernbedienung. Die Effektivität des Rätselhaften für das serielle Erzählen dürfte etwa den anhaltenden True-Crime-Trend erklären.

Möglicherweise haben die Analysten bei Netflix die arkane Formel hinter diesem Genresegment gefunden, das man lose als "Mystery" bezeichnen könnte, haben Hurra gerufen und sind damit zum Chef gerannt, der entschied: Sehr gut, daraus machen wir jetzt eine Serie. Mystery ungestreckt, das wird der Hit. "Archive 81" war geboren.

Jede Ausschlachtung ist eine brachiale Sektion

Es wäre falsch zu sagen, dass die Serie sich anfühlt, als stamme sie aus dem Baukasten für das Genre, eher so, als sei sie der Baukasten selbst - was sie auf eine verquere Art interessant macht. Sie enthält, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, ein einsames Haus, von Wald und einem Zaun umgeben. Gleich zwei verlassene Kapellen. Ein unterirdisches Gewölbe. Verschlossene Aktenschränke voll mit geheimem Wissen einer obskuren Forschungsreihe. Alles auf demselben Grundstück, wohlgemerkt, das noch nicht einmal der Hauptschauplatz ist. Dan, ein Filmrestaurator, soll dort im Auftrag eines geheimnisvollen Konzernchefs eine Reihe verbrannter Videokassetten aus dem Jahr 1994 retten. Darauf zu sehen ist das Forschungsprojekt einer Doktorandin in Sozialanthropologie, die mit ihrer Videokamera Interviews mit den Bewohnern eines heruntergekommenen Gebäudes in Manhattan für ein "Oral History"-Projekt führen will. Sie bemerkt eigenartige Pentagramme in Steinreliefs neben der Tür, als der Hausmeister sie hereinlässt.

Es geht um andere Welten. Um Gespenster. Das Böse und das Gute. Nichts ist, wie es scheint. "Archive 81", das muss man zugestehen, ist konsequent in der Kompromisslosigkeit, mit der die Serie die Mystery-Formel ausschlachtet. So wie jede Schlachtung eine, wenn auch recht brachial vollzogene, Sektion ist.

Aus dem Lüftungsschacht des Apartments in dem Gebäude in Manhattan, das Melody für ihr Projekt bezieht, dringt unheimlicher Gesang in einer fremdem, gewiss alten Sprache. Die schiere Obskurität, die sich darin manifestiert, bildet den erzählerischen Grundton der Serie. Ein Metronom tickt dazu - eine düstere Erinnerung an Dans Kindheit. Hinter jeder Ecke warten neue Rätsel, neue unerklärliche Verwicklungen zwischen den Zeitebenen. Ständig raunt es durch die Handlung hindurch, sozusagen vom Ende her, das verspricht, die alles durchdringende Dunkelheit endlich aufzulösen - Erlösung vom Flirren und Rauschen.

Die Figuren kleben wie die Zuschauer vor Bildschirmen und warten auf Erlösung

Für das serielle Erzählen ist das eine äußerst erfolgreiche Strategie. Man bleibt über all die Stunden hinweg am Ball, nicht der Figuren in ihrer Entwicklung wegen, sondern weil man infiziert ist und nicht aufhören kann zu gucken, bis zur befreienden Auflösung der Dissonanzen. "Archive 81" findet dafür das Bild von Süchtigen, die auf einem verbotenen Stockwerk des Gebäudes leben und sich von dem Schimmel an den Wänden ernähren. Es sind die Ablagerungen der Dunkelheit, des Unerklärten und Unerklärlichen, das sich durch das Gebäude hindurch frisst und zu seiner tragenden Substanz geworden ist. Alle relevanten Handlungsbeteiligten berichten von einem mysteriösen Sog, der sie an das Bauwerk fessele. Sie sind fasziniert von alten Videobändern - Medien mit Patina, eingeschriebener Zeit also. Verheißungen anderer Welten, versteckter Botschaften flüstern ihnen daraus entgegen. Sie kleben, wie die Zuschauer, als Süchtige vor Bildschirmen.

Trailer zur Serie:

Beim Irren durch diese dunklen Flure stellen sich Fragen. War bei den Netflix-Verantwortlichen die Verzweiflung auf der Suche nach einem Hit so groß, dass sie gewissermaßen die Mutter aller Mystery-Serien gedreht haben, nach dem Viel-hilft-viel-Prinzip, bis zur Sinnentleerung und Selbstreferenz? Bedeutet das, einen Schritt weitergedacht, "Archive 81" ist genial, eine Art "Videodrome" für das Streaming-Zeitalter? Oder sind die Selbstreferenzen eine lahme Ausrede, alle Hemmungen bei der Verrätselung der Handlung fallen zu lassen, um das Publikum angefixt zu halten?

Sagen wir es so: Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern irgendwo dahinter. Was das bedeuten soll? Keine Ahnung, aber es klingt doch deep, oder?

Archive 81, acht Folgen, auf Netflix

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