bedeckt München

NDR und freie Mitarbeiter:NDR führt neues Honorierungsmodell ein

NDR nimmt Bluttests von Bewerbern

Der NDR hat Probleme mit seinen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

(Foto: dpa)

Der Sender will crossmediales Arbeiten in Zukunft anders vergüten. Dagegen protestieren freie Mitarbeiter, die sich schlechter gestellt fühlen.

Von Julia Meidinger, Hamburg

Ein crossmediales Honorierungsmodell des NDR, das derzeit sukzessive eingeführt wird, sorgt bei freien Mitarbeitern des Senders für Unruhe. In einem offenen Brief haben sich 150 freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an die Aufsichtsgremien gewandt. Sie beschweren sich über angeblich drohende Honorarkürzungen. Für einige Kollegen würden die Veränderungen "Einbußen von bis zu vierzig Prozent bedeuten", heißt es in dem Brief vom 21. Januar. Der NDR dagegen teilt auf Anfrage mit, er habe keine Honorare gekürzt - es gebe lediglich "zusätzliche Honorierungsmodelle, die bei bestimmten Tätigkeiten angewendet werden". Die Zahlen in dem Brief seien "nicht nachvollziehbar und nicht belegt".

Liegt es daran, dass der NDR sparen will - auf Kosten der Freien?

Die neuen Modelle laufen beim NDR unter den Begriffen "crossmedialer Baukasten" und "crossmediales Schichtmodell" - darum geht es den Unterzeichnern des Briefes. Freie Mitarbeiter müssen in Zukunft in der Lage sein, ihre Beiträge für Fernsehen, Hörfunk und online aufzubereiten. Dafür, so der Vorwurf der Freien, sollen sie aber zum Teil schlechter bezahlt werden. Viele vermuten, dass es sich dabei um eine Sparmaßnahme des NDR handelt. Der Sender hat bereits im vergangenen Jahr verkündet, bis 2024 insgesamt 300 Millionen Euro einsparen zu müssen.

Das neue Honorierungssystem für crossmediale Tätigkeiten besteht zusätzlich zu den bestehenden Vergütungsmodellen und soll in den kommenden Monaten breit zur Anwendung kommen. Es sieht vor, dass freie Mitarbeiter feste "Sockelbeträge" oder "Tagespauschalen" bekommen. Je nach Aufwand und Aufgaben kann es Zuschläge geben. Ein genereller Vergleich zu alten Bezahlsystemen nach festen Tagessätzen ist deshalb kaum möglich.

Jeder könne frei entscheiden, ob er einen Auftrag annimmt, erklärt der NDR

Ob im Einzelfall nach dem crossmedialen neuen Modell vergütet wird, "hängt insbesondere von der aktuellen, programmlichen Themenlage sowie der crossmedialen Ausrichtung" der beauftragenden Redaktion ab, erklärt der NDR. Das werde in der Redaktion entschieden, der oder die Freie könne "frei entscheiden, ob er/sie den Auftrag annimmt". Die Beauftragung von Autoren müsse aber "zwingend mit Blick auf den verantwortungsbewussten Umgang mit den Rundfunkbeiträgen im redaktionellen Kontext stehen" und dem Programm unmittelbar als Inhalt zugutekommen, heißt es vielsagend. Insgesamt arbeiten knapp 1200 Journalisten als freie Mitarbeiter für den NDR.

Die Unterzeichner des Briefes werfen dem Intendanten Joachim Knuth zudem vor, er habe die "Honorarkürzungen" an den Gewerkschaften Verdi und DJV vorbei "einseitig" eingeführt. Dieses Vorgehen sei "höchst irritierend und moralisch überaus fragwürdig". Ihre Befürchtung: Weil das neue Honorarmodell nicht tarifvertraglich abgesichert sei, könnte der Sender Arbeitsbedingungen und Honorare weiter verschlechtern. Der NDR teilte dazu mit, er habe mit den Gewerkschaften 2018 und 2019 verhandelt, am Ende ohne Ergebnis. Bereits vor einem Jahr habe er deswegen die "einseitige Einführung der neuen Honorarregeln" mitgeteilt - es habe keine Reaktionen geschweige denn Proteste gegeben.

Die Trennung nach TV, Radio und Online soll mit der Neuerung enden

Deswegen will die Leitung des NDR vorerst nicht mit den Gewerkschaften verhandeln, wie es die Verfasser des Briefes fordern. Die "zusätzlichen crossmedialen Honorierungssysteme" befänden sich in der Pilotphase. Nach zwei Jahren will sich der NDR mit den Gewerkschaften an den Verhandlungstisch setzen.

Anfang Februar haben Rundfunk- und Verwaltungsrat auf den offenen Brief der Freien geantwortet. Die Stellungnahme kann als Rückendeckung für die NDR-Führung gewertet werden. Die "Einsparungen bei den Honoraren" seien eine Folge des Kürzungspakets, das im vergangenen Jahr von der Geschäftsleitung verabschiedet wurde. Zur Kritik an den neuen Honorierungsmodellen hieß es: Diese sollten eine "angemessene und gerechte Bezahlung" garantieren, was jedoch nicht bedeute, "dass weiterhin jede*r dasselbe verdient". Der Sender habe "Honoraranpassungen" vorgenommen, um allen crossmedial arbeitenden Freien ein "vergleichbares Honorar" zu zahlen.

Die Trennung zwischen reinen TV-, Hörfunk- und Online-Journalisten könnte also nach dem crossmedialen Modell auf Dauer aufgehoben werden. Bisher verdienen meist die TV-Journalisten am besten. Die freien Mitarbeiter in den Online-Redaktionen könnten nun die Möglichkeit bekommen, mehr zu verdienen als bisher. Vorausgesetzt vermutlich, dass sie in der Lage sind, Hörfunk- oder TV-Beiträge zu produzieren.

© SZ/tyc
Zur SZ-Startseite
Verlassenes Klavier und Mikrofon auf der Buehne in der Komoedie am Kurfuerstendamm im Schiller Theater, Bismarckstrasse,

SZ PlusKultur bei den Öffentlich-Rechtlichen
:Die neue Gründerzeit

Immer wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine traditionsreiche Kultursendung einstellt, hagelt es offene Briefe. Dabei hätte der Kulturfunk im Netz ganz andere Möglichkeiten.

Von Felix Stephan

Lesen Sie mehr zum Thema