NDR-Format "Landlust TV" Bettschuh-Stricken und Meerrettich-Heilkraft

Den NDR zieht es auf's Land: Aus dem Magazin "Landlust" entsteht ein Fernsehformat, das die "Sehnsucht nach einem ruhigen familiären Leben" bedienen soll - mit Basteln aus Naturmaterialien oder regionalen Spezialitäten. An opulenten Bildern wird dabei nicht gespart.

Von René Martens

Vermutlich hat sich beim Landwirtschaftsverlag in Münster die Trauer in Grenzen gehalten, als kürzlich die Auflagenzahlen für das dritte Quartal 2011 veröffentlicht wurden. 810.000 Exemplare verkaufte Landlust, das zweimonatlich erscheinende Bestseller-Magazin des Hauses, in diesem Zeitraum, im Quartal zuvor waren es 828.000. Somit war die Auflage des Hefts, die seit ihrem Start 2005 mit märchenhaften Steigerungen für Furore gesorgt hatte, erstmals gesunken.

Das Jahresbudget der zwölf Folgen entspricht dem eines Tatorts - viel für ein non-fiktionales Format im Dritten.

(Foto: NDR/Mirella Pappalardo /MedienKo)

Die Chancen, dass die Resonanz der Zeitschrift, die aktuell das Stricken von Bettschuhen und die Heilkraft von Meerrettich empfiehlt, bald wieder wächst, sind aber nicht schlecht. Am 4. Dezember startet im NDR Fernsehen um 20:15 Uhr der Ableger Landlust TV, eine 90-minütige Sendung, die womöglich Landfreunde erreicht, die das Heft bisher nicht gekauft haben. Im Mittelpunkt sollen Familien stehen, die verraten, wie man aus Naturmaterialien Deko-Utensilien bastelt und regionale Spezialitäten zubereitet. Produzent Theo Baltz will die in der Bevölkerung vermeintlich verbreitete "Sehnsucht nach einem ruhigeren, familiäreren Leben" bedienen. "Urlaub vom Alltag" verspricht Ulrich Toholt, Objektleiter der Zeitschrift, und er sagt das so, als biete das Fernsehen so etwas selten.

Dass erst jetzt, nachdem schon diverse Verlage mit eher bescheidenem Erfolg versucht haben, den Erfolg von Landlust zu kopieren, ein Ableger auf den Bildschirm kommt, hat auch mit der Zurückhaltung der Münsteraner zu tun. Anfragen interessierter TV-Produzenten habe es früh gegeben, sagt Toholt, aber warm geworden sei man erst mit dem NDR und Baltz.

Teilweise als Vorbild dient ein anderer öffentlich-rechtlicher Heftableger: die 2001 gestartete Sendung Mare TV. Mare ist eine Kultur- und Reisezeitschrift aus Hamburg, die Kooperation zwischen Zeitschrift und Sender läuft ähnlich: Der Verlag habe auf die Sendung keinen unmittelbaren Einfluss, man stimme sich lediglich "locker" ab, sagt Jürgen Meier-Beer, der verantwortliche Redakteur von Landlust TV. Bei Mare TV war die Zusammenarbeit anfangs enger: Zeitschriftengründer Nikolaus Gelpke war sechs Jahre lange Co-Produzent der Sendung.

Landlust TV konkurriert bei der Sendezeit direkt mit dem Tatort, und das war von Anfang an so gedacht. NDR-Programmdirektor Frank Beckmann meint, die Sendung beispielsweise freitags gegen den Degeto-Film im Ersten zu platzieren, wäre "deutlich schwieriger" gewesen, denn auch da gebe es ja "eskapistische Motive". So gesehen, ist Landlust TV die Übersetzung der Degeto-Weltflucht ins Nonfiktionale.

Weil der NDR "Landschaften feiern" und "inszenieren" will (Beckmann), wird an opulenten Bildern nicht gespart. Das Jahresbudget von Landlust TV entspreche ungefähr dem eines Tatorts, sagt Meier-Beer. Das ist viel für ein zwölfmal ausgestrahltes non-fiktionales Format im Dritten. So kommt es ihm nicht ungelegen, dass ein Teil der Kosten mittelfristig auf mehrere Sender verteilt werden könnte: Auch WDR und SWR haben Lust aufs Land. Trotzdem könne Landlust TV nicht im Ersten laufen; die Sendung, sagt Meier-Beer, sei von einer "langsamen Erzählweise" geprägt, und die funktioniere nur in den Dritten.

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