"Me Too" Der Fall der Männer

  • Die renommierte New York Review of Books hat einen Text von Jian Ghomeshi veröffentlicht, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde.
  • Nach heftiger Kritik räumt Chefredakteur Ian Buruma nun seinen Posten.
Von Christian Zaschke

Ian Buruma ist nicht mehr Chefredakteur der New York Review of Books. Der Niederländer räumte seinen Posten am Mittwoch als Folge einer Kontroverse um einen Text eines kanadischen Radio-Moderators, dem von mehreren Frauen sexuelle Übergriffe und Gewalt vorgeworfen wurden. Ob Buruma kündigte oder gehen musste, ist derzeit nicht klar. Er hatte den Posten erst im vergangenen Jahr angetreten.

Jian Ghomeshi, der Autor des umstrittenen Textes, ist 2016 vor Gericht freigesprochen worden. Mehr als 20 Frauen hatten ihm sexuelle Übergriffe vorgeworfen, unter anderem habe er sie geschlagen und gewürgt. In seinem Text in der New York Review of Books (NYRB) räumt er ein, dass er oft "emotional gedankenlos" gehandelt habe und das bereue, er beklagt aber auch, dass er "genügend Demütigung für ein ganzes Leben" erfahren habe. Ständig müsse er mit einer Schurkenversion seiner selbst im Internet konkurrieren.

Die Kritik an dem Text begann, noch bevor er veröffentlicht wurde. Mitarbeiter der NYRB waren so erbost über den Artikel, dass sie ihn an andere Medien weiterreichten. Chefredakteur Buruma sah sich in der Defensive. Am Freitag vergangener Woche wurde der Text schließlich in der Online-Ausgabe des renommierten Intelligenzblattes veröffentlicht, und die Kritik wurde deutlich lauter. Beklagt wurde der selbstmitleidige Ton Ghomeshis. Zudem versuche der Autor, die Anschuldigungen gegen ihn zu verharmlosen.

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Buruma gab dem Online-Magazin Slate ein Interview, in dem er sich erklärte. Nicht alle Mitarbeiter seien dafür gewesen, den Text zu veröffentlichen, aber nachdem die Entscheidung gefallen sei, habe man zusammengestanden. Zu den Vorwürfen gegen Ghomeshi sagte er: "Ich bin nicht der Richter über jede Anschuldigung. Wie könnte ich das sein?" Was genau Ghomeshi getan habe, wisse er nicht, auch nicht, wie viel Konsens es jeweils gab, und es gehe ihn auch nichts an. Zudem verwies er darauf, dass Ghomeshi vor Gericht freigesprochen wurde. In sozialen Medien wurde Buruma daraufhin Desinteresse an den Vorwürfen der Frauen vorgeworfen. Zu den Kritikern zählen auch Mitarbeiter des Magazins.

Buruma findet die Kritik an sich selbst "ironisch"

In der Print-Version der NYRB erscheint der Text erst im Oktober. Die Ausgabe steht unter dem Oberthema "Der Fall der Männer" und beschäftigt sich mit der "Me Too"-Bewegung, die sich gegen sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe wendet. Dem niederländischen Magazin Vrij Nederland sagte Buruma: "Ich hatte starke Reaktionen erwartet. Meine Hoffnung war, dass sich eine Diskussion darüber entwickelt, wie wir mit Leuten umgehen, die sich falsch verhalten haben, aber vor Gericht freigesprochen worden sind." Die heftige Kritik an ihm selbst empfindet er als "ironisch", wie er sagt: "Ich habe ein Themenheft über Menschen gemacht, die nicht von der Justiz, sondern von sozialen Medien verurteilt worden sind. Jetzt stehe ich selbst am Pranger."

Bevor er Chefredakteur wurde, hatte der 66 Jahre alte Buruma jahrzehntelang für die NYRB geschrieben. Seine Spezialgebiete sind chinesische und vor allem japanische Kultur. Buruma wuchs in seiner Geburtsstadt Den Haag als Sohn einer Engländerin auf, studierte chinesische Literatur in Leiden und japanischen Film in Tokio. Er lehrte in Berlin, Washington D.C. und Oxford und war von 2003 bis 2017 Professor am Bard College in New York. Anschließend übernahm er die Stelle bei der NYRB.

Zu seinen Verteidigern gehört die Autorin Laura Kipnis. Der New York Times sagte sie, die NYRB habe schon immer kontroverse Texte veröffentlicht und sich nicht der öffentlichen Mehrheitsmeinung gebeugt. Dass sie das nun tue, habe Buruma seinen Job gekostet. Im Übrigen sei es kein Freispruch, wenn man Männern wie Ghomeshi eine Plattform gebe. "Es bedeutet, von jemandem zu hören, der sich plötzlich vom sozialen Leben ausgeschlossen sieht und zu einer Nicht-Existenz verurteilt worden ist."

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