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"Me too"-Debatte:US-Serien hatten angedeutet, was hinter der "Me too"-Debatte steckt

Girls TV Serie - HBO - 5. Staffel

In ihrer Serie "Girls" hat Lena Dunham sehr eindrücklich gezeigt, wie manche Männer ihre Macht missbrauchen.

(Foto: 2016 Home Box Office, Inc. All rights reserved)

Schon vor dem Weinstein-Fall haben Serien wie "Girls" und "Master of None" gezeigt, wie Männer im Showgeschäft ihre Macht missbrauchen. Doch da konnte man die Geschichten noch für Fiktion halten.

Es beginnt als Situation, wie sie überall und immer vorkommt. Die Radioproduzentin Kate aus der Serie One Mississippi möchte ein neues Format mit ihrem Kollegen besprechen. Sie betritt sein Büro und setzt sich an den Schreibtisch. Was dann folgt, ist alles andere als normal. Während sie ihre Idee vorstellt, holt sich der Kollege, von der Tischplatte verdeckt, einen runter. Sie sieht die eindeutigen Armbewegungen und wie er sich, nachdem er gekommen ist, ein Taschentuch nimmt. Alles geht so schnell, dass sie keine Chance hat, zu reagieren.

Man muss zwangsläufig an den Komiker Louis C.K. denken, der kürzlich zugegeben hat, vor fünf Frauen gegen deren Willen masturbiert zu haben. Er ist eine der vielen US-Showgrößen, denen ihr übergriffiges Verhalten, das von sexueller Belästigung bis zu Vergewaltigung reicht, nach dem Weinstein-Skandal und der folgenden "Me Too"-Bewegung zum Verhängnis geworden ist. Im Nachhinein ist es erschreckend, dass C.K. für seine Serie Louie über einen frustrierten und triebgesteuerten Komiker von allen Seiten so viel Lob bekam. Noch erschreckender ist, dass damit vor allem die Sicht eines Täters - wenn sie auch stets selbstkritisch daherkam - so lange das Feld bestimmte.

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Doch auch andere Serienmacher haben sich bereits lange vor der "Me Too"-Debatte mit sexueller Belästigung in der Unterhaltungsbranche beschäftigt und damit auf das massive Problem aufmerksam gemacht: die Komikerin Tig Notaro mit One Mississippi (Amazon), der Komiker Aziz Ansari mit Master of None (Netflix), die Autorin und Regisseurin Lena Dunham mit Girls (HBO) und die Komikerin Maria Bamford mit Lady Dynamite (Netflix). Die vier autobiografisch inspirierten Serien veranschaulichen das perfide System, in dem Männer ihre Macht missbrauchen, ihre Opfer sich nicht wehren können, Mitwisser aus unterschiedlichen Gründen schweigen und Streamingplattformen nach genau diesen Geschichten gieren. Die New York Times hat sich kürzlich dem Thema gewidmet und dargestellt, wie sich Notaro, Ansari und Dunham an ihrem moralischen Dilemma als Beobachter abarbeiten. Klar ist: All die krassen Geschichten vor allem aus Hollywood, die derzeit die Welt empören, sie waren in unzähligen aktuellen Serien alle längst erzählt; doch bevor in Zeitungen darüber gesprochen wurde, berichteten die Kreativen auf ihre Weise.

Früher war das Thema oft nur ein kleiner Witz am Rande. Heute spielt es eine große Rolle

Waren sexuelle Übergriffe in früheren Serien wie 30 Rock von Komikerin Tina Fey, in der sie ihren Alltag als Chefautorin der Comedy-Show Saturday Night Live verarbeitet, zumeist in harmlose Gags verpackt, konnten die neuen Serienmacher dem Problem durch ein auch schon vor "Me Too" gewachsenes öffentliches Interesse am Thema Sexismus und sexuelle Gewalt einen höheren Stellenwert einräumen. Hinzu kommt, dass ihr Leidensdruck aufgrund der Vielzahl der Vorfälle über die Jahre gestiegen sein dürfte. Und wenn sie schon nicht öffentlich darüber sprechen konnten, dann wenigstens in ihrer Kunst. Sobald sie in ihren Serien auf sexuelle Belästigung zu sprechen kommen, wird es ernst. Statt nur zu unterhalten, scheinen sie hier vor allem sensibilisieren zu wollen.

Lena Dunham erzählt mit ihrer Girls-Folge "American Bitch", wie manipulativ Täter unter Umständen sein können. Die von ihr verkörperte Hauptfigur Hannah wird von einem berühmten Schriftsteller zu ihm nach Hause eingeladen. Er möchte sie für einen Artikel zur Rede stellen, in dem sie ihn dafür kritisiert, dass er mehrere Frauen zum Oralverkehr gezwungen haben soll. Ihm gelingt es, sich so glaubhaft als Opfer von enttäuschten Groupies darzustellen, dass sie seiner Version irgendwann glaubt. Erst als er neben ihr liegend seinen Penis aus der Hose holt, erkennt sie, dass er auch sie manipuliert hat.

Betroffene sexueller Belästigung werden von ihrem Arbeitsumfeld im Stich gelassen

Bei so viel Weitsicht in der eigenen Serie verwundert es, dass Dunham kürzlich selbst unüberlegt handelte. Als einer ihrer Drehbuchautoren, Murray Miller, wegen sexueller Nötigung angezeigt wurde, ergriff sie Partei für ihn, ohne die Ermittlungen abzuwarten, und sprach von einer Falschverdächtigung. Als daraufhin ein Shitstorm ausbrach, entschuldigte sie sich für ihre vorschnelle Äußerung.

In Master of None wird deutlich, wie sehr Betroffene sexueller Belästigung von ihrem Arbeitsumfeld im Stich gelassen werden. Der von Aziz Ansari gespielte Dev, der Co-Moderator einer Kochsendung ist, fragt eine ehemalige Maskenbildnerin, warum sie so plötzlich gekündigt hat. Er hat den Verdacht, dass sie vom Hauptmoderator sexuell bedrängt wurde. Tatsächlich erzählt sie ihm, dass dieser sie in einer Tour anbaggerte und ihre Bitten aufzuhören einfach ignorierte. Als sie sich am Set Hilfe suchte, wurde der Belästiger ermahnt; als er danach wieder anfing, sagte man ihr, er flirte halt gern.

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Auch in One Mississippi wird eindrücklich dargestellt, wie aussichtslos es für viele Betroffene erscheint, zu ihrem Recht zu gelangen. Dort hat Produzentin Kate zwar die Radiomoderatorin Tig (Tig Notaro) sofort an ihrer Seite. Trotzdem erlebt auch sie die üblichen Reaktionen. Der Produzent streitet alles ab, sein Vorgesetzter kann sich nicht vorstellen, dass er zu so etwas fähig ist, und anstatt ihn sofort zu suspendieren, will er abwarten, was die Prüfungen des Personalrats ergeben. Sie entscheidet sich gegen die Polizei, weil sie glaubt, dort ausgelacht zu werden.

Tig Notaro und Aziz Ansari standen jahrelang in engem Kontakt mit Louis C.K. Der Komiker war Notaros Förderer und ist Executive Producer von One Mississippi. Ansari teilte sich mit C.K. bis zu dessen Schuldeingeständnis denselben Manager. Doch anders als Ansari distanzierte sich Notaro öffentlich von C.K. Sie verlangte schon eine Stellungnahme zu den Belästigungsvorwürfen, als sie noch Gerüchte waren. Ansari hingegen hält sich bis heute bedeckt.

Wie sehr die Unterhaltungsbranche gerade nach persönlichen Leidensgeschichten von weiblichen Comedians lechzt, parodiert Maria Bamford in der zweiten Staffel von Lady Dynamite. Darin wird der Hauptfigur Maria von ihrer Agentin angeboten, eine Serie über ihre Erfahrungen als Komikerin in Hollywood zu machen. Doch Maria hat eine schreckliche Vision: Mit ihrem Ansinnen, eine Vorkämpferin für Frauenrechte zu sein, hat sie sich zu einer Marionette der Streamingplattform gemacht, die ihrem progressiven Anstrich zum Trotz nach den alten sexistischen Mechanismen funktioniert. Um die Zuschauerzahlen nach oben zu treiben, soll Maria sich für ihre Rolle die Brüste vergrößern lassen.

Die reale Unterhaltungsbranche wird durch die "Me Too"-Debatte eines Tages hoffentlich anders funktionieren.

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