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"She's Gotta Have It" auf Netflix:Die Serie zur #MeToo-Debatte

Nola Darling (DeWanda Wise mit Cleo Anthony) hat 2017 ein ebenso selbstbewusstes Liebesleben wie im Film von 1986.

Spike Lee hat aus seinem Kultfilm "She's Gotta Have It" von 1986 eine Serie gemacht. Damals schockierte die gelebte sexuelle Freiheit seiner weiblichen Hauptfigur. Heute ist es der Alltagsseximus, der ihr immer noch entgegenschlägt.

Die Kamera fährt langsam auf ein übergroßes Bett mitten im Raum zu. Auf dem Bettkästchen links steht ein pilzförmige Lampe, das ausladende Kopfteil ist mit zahlreichen Kerzen bestückt. Mit der Eleganz einer Königin taucht Nola Darling aus der Bettdecke hervor, setzt sich auf und spricht direkt in die Kamera: "Ich möchte, dass ihr wisst: Der einzige Grund, weshalb ich hier mitmache, ist weil die Leute denken, sie kennen mich." Sie betrachte sich als anormal, manche nennten sie Freak. Doch an solche einfachen Etiketten glaube sie nicht. Aber was soll man schon machen?

So beginnt She's Gotta Have It , der erste abendfüllende Spielfilm des Regisseurs Spike Lee aus dem Jahr 1986, gedreht in Schwarzweiß. So beginnt auch seine neue Netflix-Serie gleichen Titels. Sie als Remake zu bezeichnen, würde ihr bei Weitem nicht gerecht werden, allein schon, um sie nicht neben die zahlreichen mittelmäßigen Neuauflagen von alten Serien und alten Kinofilmen als Serien zu stellen. Nachgemacht wirkt zunächst nur die erste Folge, die dafür so richtig, als habe Lee seine Exposition von damals nur sanft redigiert. Nach wie vor wird Nola Darling (1986 gespielt von Tracy Camilla Johns, nun von DeWanda Wise), eine junge afroamerikanische Künstlerin aus Brooklyn, von drei Liebhabern begehrt: Da ist der romantische Jamie Overstreet, der narzisstische Greer Childs und der kindisch-alberne Mars Blackmon, den Lee im Original selbst darstellte. Alle wollen Nola für sich, Nola will aber alle, statt nur einen. Spike Lee kann ein Selbstplagiat nur gegönnt sein, schließlich war bereits die Vorlage in vielerlei Hinsicht ein wahrhaft großartiger Film.

Spike Lee führt in allen Folgen Regie, denn "wenn es jemand vermasselt, dann ich"

Die 175 000 Dollar und zwölf Drehtage, die Spike Lee sein Debütfilm kostete, waren sehr gut investiert, nicht nur, weil der Film schließlich über sieben Millionen einspielte. Der Film stand mit anderen am Anfang einer Welle des US-Independentkinos, die auf die 1990er-Jahre zurollte. Er kann auch, wenn man etwas mehr Glauben an Etiketten als Nola Darling hat, als Beginn des New Black Cinema verstanden werden. Wie Lee begannen schwarze Filmemacher, in ihren Produktionen entgegen der rassistischen Besetzungspraxis Hollywoods vor allem schwarze Schauspieler auftreten zu lassen. In den Blaxploitation-Filmen der 1970er kämpften noch harte Kerle gegen Zuhälter, rassistische Stereotype sind einfach nachzuweisen. She's Gotta Have It handelte nun von relativ durchschnittlichen Stadtbewohnern und deren Liebesleben.

Dreißig Jahre sind seit diesen Anfängen vergangen. Spike Lee hat sich zwischenzeitlich den Ruf als Regisseur erarbeitet, immer wieder den Rassismus gegen Afroamerikaner deutlicher zu thematisieren, als das in seinem Debütfilm passiert. Und ihm ist das nur zu bewusst. In der Serie diskutieren Nola und Mars vor einem unfertigen zimmerhohen Gemälde von Malcolm X darüber, wie Denzel Washington, der den schwarzen Bürgerrechtler in Lees Filmbiografie von 1992 spielt, bei der Oscarverleihung übergangen worden sei. Hier spricht Lee selbst durch seine Figuren. Er behält auch sonst die Kontrolle und führt bei allen zehn Folgen der Serie selbst Regie. "Wenn es jemand vermasselt, dann ich", meinte er in einem Interview mit Rolling Stone.

Vermasselt hatte er in der Vorlage nach eigener Einschätzung nur eine Sache: Dass Nola von einem ihrer Liebhaber vergewaltigt wird, spielt der Film völlig herunter. Ein auffällig unreflektierter Umgang mit sexualisierter Gewalt in einem sonst durchaus feministisch zu verstehenden Film, den zu korrigieren sich Lee nun sichtlich bemüht. War Nolas selbstbewusstes Liebesleben im Original von 1986 noch ohne Begriff, gibt es heute eine ganze Reihe von, nun ja, Etiketten. Sie selbst bezeichnet sich als "sex-positiv, polyamorös und pansexuell". Die mit den Etiketten einhergehende klare Verortung sorgt auch für eine gewisse Entzauberung der Figur. Niemand muss mehr rätseln, was es mit dieser Nola auf sich hat.

Nolas sexuelle Freiheit mag damals schockiert haben, heute empört der Alltagssexismus

Dafür wächst Nolas Welt - und mit ihr ihre Persönlichkeit - auch dank Millionenbudget und 63 Drehtagen. Spielte die Vorlage vor allem in Nolas Wohnung, besser gesagt in ihrem Bett, hat sie nun in zehn Folgen Platz, durch Brooklyn zu wandern. Das ist heute natürlich nicht mehr der Stadtteil von vor 30 Jahren, der in Fotos im Vorspann noch zitiert wird, sondern bereits weitgehend durchgentrifiziert.

Die Machtmechanismen dieser Welt sind aber noch die gleichen. Nur rufen Nola die selben dummen Anmachsprüche von damals - "Baby, du bist so schön, ich würde eine Wanne von deinem Badewasser trinken" - heute neben ekligen Kerlen auch einige Frauen entgegen. Spike Lee präsentiert seine Arbeit von damals jetzt verbunden mit zeitgenössischen feministischen Aktionen, zitiert hier etwa das sich virale Youtube-Video 10 Stunden als Frau durch NYC laufen. War es im Film 1986 noch Nolas gelebte sexuelle Freiheit, die manche schockiert haben mag, empört die Serie heute vielmehr mit der Vorführung des nach wie vor bestehenden Alltagsseximus. Der zeigt sich dort in kleinen Dingen, wie der Tatsache, dass Nolas Liebhaber gerne darüber entscheiden wollen, wie sie ihr Kleid zu tragen habe. Und ebenso in großen Dingen: Nach einem Übergriff auf der Straße plakatiert Nola Frauengesichter mit dem Slogan "My name is not hey baby", angelehnt an Tatyana Fazlalizadehs Streetart-Projekt "Stop Telling Women to Smile".

Spike Lee konnte zwar während der Produktion von der aktuellen Debatte noch nichts wissen. Im Zeitalter der Hashtag-Etiketten in Social Media ist She's Gotta Have It nun aber die Serie zu #MeToo geworden.

She's Gotta Have It , bei Netflix.

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