Marie Bäumer in "Das andere Kind" Bedrückend, aber irgendwie toll

Marie Bäumer hat bei Dreharbeiten in England das wilde Partyleben mit der Videokamera erforscht. Im ARD-Film "Das andere Kind" kann die Schauspielerin trotzdem sehr traurig aussehen. Nicht der schlechteste Start ins Fernsehjahr. Eine Begegnung.

Von Ralf Wiegand

Es ist beeindruckend, Marie Bäumer derart schlecht gelaunt zu erleben - vor allem dann, wenn man gleich der Nächste ist, der sie interviewen soll. Jetzt, ein paar Minuten zuvor, fährt sie im selben Aufzug nach oben, ins Gespräch mit einer Assistentin vertieft. Einige Interviews von der Stange hat sie schon geben müssen. Es ist ein aufwendiger Film, der zu promoten ist. Die ARD hat einen Roman von Charlotte Link verfilmen lassen, Das andere Kind. Zwei Teile, drei Stunden Sendezeit, prominent besetzt, um gleich mal am Anfang des Jahres den Hammer höher zu hängen.

Deswegen läuft dieser PR-Tag in Hamburg eher so ab wie bei der Premiere eines Hollywoodfilms. Die Romanautorin ist gekommen, der Regisseur, der ARD-Programmdirektor, etliche Hauptdarsteller. Der Film wird in einem Hotel mit Kinosaal präsentiert, drei Stunden am Stück. Und eben Interviews für den, der möchte.

Marie Bäumer kann man viele falsche Fragen stellen, zu den falschesten gehört sicherlich die danach, wie viel von ihr in ihrer Filmfigur steckt. Bäumer zählt zu jenen Darstellerinnen, die Schauspielerei als Handwerk begreifen, sie lehrt es in München selbst, und sie kann sich über Kollegen oder Kolleginnen amüsieren, die eins werden mit ihrer Rolle, auch nachts oder nach Drehschluss unter der Dusche. Marie Bäumer spielt aber zum Beispiel in Das andere Kind die Ärztin Leslie Cramer, bleibt jedoch Marie Bäumer.

Nach Drehschluss des in England entstandenen Films ist sie mit ihrem Sohn, den sie während des Insel-Aufenthalts "in so einem Harry-Potter-Internat" untergebracht hatte, und einer Videokamera nach Newcastle gefahren und hat dort das offensichtlich aufregende Partyleben dokumentiert. Newcastle, sagt sie, "ist freitagabends der Wahnsinn". Als Leslie Cramer konnte sie am nächsten Tag dennoch wieder sehr traurig aussehen.

Offensichtlich ist sie aber doch viel nach dem Bäumer-Anteil in Miss Cramer gefragt worden. "Immer dasselbe", brummelt sie im Fahrstuhl, "wann lernen die das mal, dass das eine Rolle ist und das andere ich bin?" Dabei haben die Beobachter, die Kritiker, womöglich sogar nur beste Absichten. Sie spielt halt so intensiv, dass manche Betrachter sich Sorgen machen, sie, die Schauspielerin, könnte sich in der Figur, die sie darstellt, verlieren. Wie vielleicht einst nur Romy Schneider, der sie ja so fatal ähnelt, dass auch die ARD nicht umhin kam, die Werbe-Kampagne für "Das andere Kind" mit einem weiteren dieser Marie-Bäumer-sieht-aber-schon-verdammt-aus-wie-Romy-Schneider-Fotos zu bestücken.

Nach Romy Schneider fragt man Marie Bäumer also besser auch nicht. Die 20 Minuten des Interviews vergehen dann trotzdem sehr schnell mit einem paar Anekdoten aus den Monaten in England, in Erinnerungen an das Hotel, in dem die Crew untergebracht war. Marie Bäumer erinnert sich an den alten Kasten so: Von Ferne ahne man, dass es mal das größte Grand Hotel Europas war, aufgebaut wie ein Kalender: Vier Türme (die Jahreszeiten), zwölf Stockwerke (die Monate), 52 Kamine, 365 Zimmer. Aber je näher man heran komme, um so skurriler werde die Szenerie. Vor dem Eingang "saßen todgeweihte Menschen in ihren Rollstühlen", berichtet Marie Bäumer, und drinnen "fallen Teile von der Decke. Eine bedrückende Atmosphäre." Aber irgendwie toll.

In dieser Umgebung hat das Ensemble monatelang gelebt, und so ist auch der Film geworden: Bedrückend, aber irgendwie toll. Es ist ja nicht so, dass noch nie ein Roman von Charlotte Link verfilmt worden wäre, auch wenn die ARD ein bisschen so tut, als hätte sie sich an ein ganz und gar unmögliches Projekt gewagt und es gemeistert. Es sei nie einfach, so ARD-Programmdirektor Volker Herres, "einen komplexen Roman, ohne die Erzählstruktur einzuschränken, in die Welt der Bilder umzusetzen". Tatsächlich hat aber nur die ARD noch nie ein Link-Buch verfilmt, alle bisher verfilmten zehn Romane der Besteller-Autorin liefen im ZDF.

Aber gut ist es trotzdem geworden. Mit einer deutsch-britischen Starbesetzung ist ein Film entstanden, der ein bisschen Rosamunde Pilcher und wenig Inspector Barnaby atmet, aber aus beidem nur das beste: Sperrige Figuren agieren in einzigartiger Kulisse. Um Marie Bäumer alias Leslie Cramer vermischen sich aktuelle Kriminalfälle und ein uraltes Familiendrama zu einer sehr dichten, anrührenden, spannenden Geschichte. Jedenfalls nicht der schlechteste Start ins Fernsehjahr.

Charlotte Link - Das andere Kind, ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr, und Donnerstag, 20.15 Uhr.