"Lauchhammer" bei Arte:Wird alles anders

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"Lauchhammer" bei Arte: Wo "Tatort"-Kommissare sich erst mal kennenlernen müssen, legen diese beiden gleich los: Mišel Matičević und Odine Johne als Ermittler-Duo.

Wo "Tatort"-Kommissare sich erst mal kennenlernen müssen, legen diese beiden gleich los: Mišel Matičević und Odine Johne als Ermittler-Duo.

(Foto: Steffen Junghans/MDR/RBB/ARD/Degeto/Arte/Moovie)

Die Krimiserie "Lauchhammer" ist keine gewöhnliche Mördersuche, sondern erzählt gleich alles mit über eine Region im Wandel. Viel Stoff? Vielleicht. Aber meilenweit über der üblichen Krimiware.

Von Holger Gertz

Lauchhammer - Tod in der Lausitz klingt, als Serientitel, erst mal relativ unambitioniert. Es könnte auch um die Ermittlungen eines Inspektor Lauchhammer gehen, die er gewissenhaft, aber doch mit erprobtem Fernsehkommissarhumor bewältigt. Tatsächlich ist aber Lauchhammer kein Kommissar, sondern eine Industrieregion in der brandenburgischen Lausitz. Braunkohlerevier, Stadt des Kunstgusses, Produktionsort von Badewannen. Wer in der DDR ein Bad nahm, badete in der Regel in einer Wanne aus Lauchhammer. Es geht also um wesentlich mehr in diesem Sechsteiler. Es geht sogar um alles. Der Off-Kommentar zu Episodenbeginn hängt den Schinken gleich entsprechend hoch: "Es geht um die, die sich alles nehmen. Und um die, die alles verlieren."

Erst mal verliert ein Mädchen alles, also das Leben, das Gesicht ist von Krähen schon zerpickt. Der Toten gibt der Off-Erzähler eine Stimme, und nicht nur ihr: "Ich wollte ein glückliches Leben, wie alle in diesem Land, das meine Heimat ist." Denn die Geschichte von Regisseur Till Franzen und den Autorinnen Silke Zertz und Frauke Hunfeldt (Kamera: Felix Novo de Oliveira) ist keine konventionelle Mördersuche, sie erzählt alles mit, was es über eine Region zu erzählen gibt, die auch viel verloren hat, im Wandel der Zeit. Die Wiedervereinigung. Den Kohleausstieg. Den Klimawandel. Den Strukturwandel. Der Glockengießer macht jetzt Türklinken. Und ehemalige Tagebaugruben werden mit Wasser gefüllt, so entsteht eine Seenlandschaft, und wo sie früher die Wäsche nicht zum Trocknen raushängen konnten, weil alles gleich schwarz wurde, soll man jetzt Urlaub machen können. Wird alles anders. Eingefangen in einer der lakonischen Textperlen dieses Films klingt Veränderung so: "Vater Bulle, Bruder Bulle - um solche Leute hat man früher 'n großen Bogen gemacht."

"Alles voller Kohle. Aber ich hab mich für den Dreck entschieden, und für deinen Opa."

Hier fahren gerade noch welche durch die Mondlandschaft des Braunkohlereviers, aber dort, ganz hinten, ist schon ein Plakatständer in den tückischen Boden gerammt. "Ihre Traumimmobilie: Haus am See". Weil man sich schließlich nie darauf verlassen kann, dass Wandel ein Leben wirklich besser macht. Und wenn, dann nicht für alle.

Der Braunkohleabbau hat die Region durchlöchert, ganze Orte wurden abgebaggert, und wenn die alten Leute jetzt trotzdem in verklärtem Ton über die Vergangenheit sprechen, ernten sie Widerspruch. Die Okö-Aktivisten haben in Lauchhammer ihr Lager im Wald aufgeschlagen, aber ihre Botschaft wirkt bis in die Häuser der Stadt hinein, wo Oma von ihrer Hochzeit erzählt: "Ich hab die ganze Zeit nur geheult, weil alles so voller Staub war und dreckig. Der Rock, die Polster von den Stühlen, ja selbst die Sahne auf der Torte. Alles voller Kohle. Aber ich hab mich für den Dreck entschieden, und für deinen Opa." Darauf die Enkelin: "Wir entscheiden uns heute gegen den Dreck, Omi. Kohle is vorbei."

Lauchhammer, eine Wende-Erzählung: Nicht um die eine Wende nach '89 geht es, es gibt längst mehrere Wenden, eine ganze Abfolge. Das ist viel Stoff und manchmal auch deutlich zu viel, wird aber trotzdem gut zusammengehalten durch den Style, das Ensemble und eine Erzählqualität, die meilenweit über der üblichen Krimiware angesiedelt ist. Perfekt besetzt ist hier die kleinste Rolle, und natürlich auch das Kommissariat. Ermittler Maik Briegand (Mišel Matičević), Local Hero aus Lauchhammer, kennt die Verletzungen und Miefigkeiten der Leute, seine neue Kollegin mit dem bemerkenswerten Namen Annalena Gottknecht (Odine Johne) schaut mehr von draußen, und wenn sie einen Verdächtigen Batko nennt und er knapp das fehlende R hinzufügt, Bartko, ist über die Verhältnisse schon viel erzählt. Wo Tatort-Kommissare sich ein paar Folgen lang erst mal kennenlernen müssen, nehmen diese beiden nach ein paar Minuten ihre Arbeit auf. Aber Lauchhammer - Tod in der Lausitz ist ja auch kein Tatort, Gott sei Dank.

Lauchhammer, in der ARD-Mediathek, am 8. September auf Arte, ab 28. September im Ersten.

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