Krimireihe "Bella Block" Die Marathon-Frau des deutschen Fernsehens hört auf

Ein richtiger Mensch, mit allen Facetten: Kommissarin Bella Block (Hannelore Hoger).

(Foto: Hans-Joachim Pfeiffer/ZDF)

Nach 24 Jahren und 38 Filmen läuft an diesem Samstag der letzte Fall von "Bella Block". Kaum eine TV-Ermittlerin hat das Publikum so berührt wie diese.

Von David Denk

Diese Frau hat es sich nie leicht gemacht. Anderen aber auch nicht. Die Männer im Leben der Bella Block kamen und gingen, manche verweilten, keiner blieb für immer. Das galt für Kollegen wie für Liebesbeziehungen gleichermaßen. In ihrem allerletzten Fall "Am Abgrund", so viel sei verraten, verliert die pensionierte Kriminalhauptkommissarin sowohl ihren ewigen Verehrer durch eine Autobombe, Oberstaatsanwalt Klaus-Dieter Mehlhorn (Hansjürgen Hürrig), als auch ihren langjährigen Lebensgefährten, den Literaturprofessor Simon Abendroth (Rudolf Kowalski). Bei ihr bleibt allein Archie, ein Parson Russell Terrier, den sie von Mehlhorn erbt. "Alleinstehende ältere Frau mit Hund - wenn das nicht zum Lachen ist." Sagt's und kippt aufs Sofa, ihr Körper bebt unter dem so vertrauten kehligen Bella-Block-Lachen. "Alt werden ist nichts für Feiglinge", hat sie in einem früheren Film mal gesagt. Die Tragweite dieses so abgeklärt klingenden Spruchs wurde ihr nach und nach bewusst - erst recht, seit sie 2009 in den Ruhestand ging und vom Ermitteln dennoch nicht lassen konnte.

Hannelore Hoger hat der Figur Erfahrung, Schauspielkunst, kurz: Wahrhaftigkeit, geschenkt

Doch damit ist nun Schluss: Diesen Samstag läuft nach 24 Jahren und 38 Filmen ihr letzter Fall - eine verdammt lange Strecke. Das macht Bella Block zur Marathon-Frau des deutschen Fernsehens. Sie war zwar nicht die erste TV-Kommissarin hierzulande - das war Renate Burger (Ingrid Fröhlich) 1978 bei Soko 5113, ebenfalls im ZDF -, aber sie war eine ungemein wichtige. Nicht nur, weil sie eine Frau war; prägend war besonders, wie sie Frau war, Frau sein durfte. "Reich an Widersprüchen" nennt die Autorin Katrin Bühlig jene Figur, der sie mit sieben Drehbüchern, fünf eigenen und zwei Überarbeitungen, Leben einhauchen durfte. "Sie ist im besten Sinn ein richtiger Mensch, mit allen Facetten", sagt Bühlig. "Da wird nichts beschönigt, sondern alles gezeigt: Wut, Trauer, Egoismus oder auch mal Starrsinn und gleichzeitig Wärme, Nähe, Sehnsucht, Ängste." Eine deutsche Fernsehfigur, bei der einem die Attribute so schnell nicht ausgehen? "Das war und ist einmalig."

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Ihre Memoiren schreiben? Findet Hannelore Hoger zu eitel. Und hat es doch gemacht. Warum? Ein Gespräch über unlustige Schauspielkollegen, eine Beerdigung, auf der Bier gekocht wurde und den Abschied von ihrer Paraderolle Bella Block.

Es gab und gibt andere TV-Ermittlerinnen, im Tatort wie am Samstagabend im ZDF, doch kaum eine berührt die Zuschauer in ihrer Ambivalenz so unmittelbar wie Bella Block. Deswegen hat sie wohl so viele Preise eingeheimst, Iris Berbens Rosa Roth überlebt und auch Senta Berger als Kriminalrätin Prohacek in Unter Verdacht. Es ist das Verdienst von Hannelore Hoger, die entgegen allen Beteuerungen, nicht Bella Block zu sein, doch so untrennbar mit ihr verbunden war wie die Figur mit ihrem schwarzen Käfer-Cabrio oder dem notorischen Glas Rotwein gegen die Zumutungen des (Ermittlerinnen-)Lebens.

Die Autoren schenkten Block spröde-lebenskluge Sentenzen, Zadek-Star Hoger schenkte ihr Erfahrung, Schauspielkunst, kurz: Wahrhaftigkeit. Träfe man diese Bella Block im Edeka, man würde sich nicht groß wundern. "Die Figur ist so aus dem Leben gegriffen, wirkt nicht ausgedacht", sagt Autorin Bühlig über das Geschöpf der Schriftstellerin Doris Gercke, von deren Vorlagen sich die Reihe aber schnell gelöst hat. "Ich habe sie geliebt, die Bella Block."

Blocks Ende ist lahmer als ihre Erfinderin es sich gewünscht hätte

Dass die "sich nie weit von sich entfernt" hat, wie Hoger mal über ihre Figur gesagt hat, ist aber nicht nur der Schauspielerin zu verdanken, sondern sicher auch dem Regisseur und Autor Max Färberböck sowie dem Redakteur der Reihe, Pit Rampelt: Der eine hat mit den zwei sehr unterschiedlichen ersten Filmen, "Die Kommissarin" und "Liebestod", ein starkes, breites Fundament gegossen, der andere wacht seit dem sechsten, im Jahr 2000 ausgestrahlten Fall "Geflüsterte Morde" über Figur und Reihe und hat in dieser Zeit renommierte Kreative für Bella Block verpflichtet. Regisseure, Autoren, Kameraleute, Schauspieler wie Devid Striesow und Jörg Hartmann, deren Figuren zeitweise das (nicht immer reine) Vergnügen hatten, mit der bisweilen ruppigen Einzelgängerin Block zusammenzuarbeiten. Hinzu kamen arrivierte Gaststars wie Monica Bleibtreu, Matthias Habich und Peter Simonischek, aber immer auch viel Nachwuchs: Anneke Kim Sarnau, Fabian Hinrichs, Liv Lisa Fries. Mindestens so sehr wie Krimireihe war Bella Block stets auch Talentschmiede.

Im Finale, "Am Abgrund", stehen dafür Sabin Tambrea und Lilith Stangenberg als wie einem Schauermärchen entsprungenes Geschwisterpaar, auf das Bella Block nach dem Mord an Mehlhorn trifft: Wem wurde er gefährlich? Ihre Ermittlungen führen Block und ihren letzten Verbündeten, Kommissar Schnaak (Rainer Bock), in einen Sumpf aus Korruption und Amtsmissbrauch in der Hamburger Justiz und bei einer Wohnungsbaugesellschaft. Auch eine karnevalesk kostümierte Bande von Kindereinbrechern kommt vor. Für Redakteur Rampelt ist ein Bella-Block-Film dann ein guter, "wenn der Schwerpunkt mehr auf einem Drama als auf dem Krimi liegt, wenn dunkle, sperrige Themen mit gesellschaftspolitischer Relevanz Dreh- und Angelpunkt sind". Das ist der Reihe schon mal deutlich besser gelungen als in diesem überladenen, konfusen Fall, der unterm Strich weder der Krimihandlung noch seiner scheidenden Heldin gerecht wird (Regie: Rainer Kaufmann). Dass sich das Drehbuch offenbar von allein geschrieben hat, ist kein gutes Zeichen: In den Credits steht lediglich "nach einer Vorlage von Susanne Schneider". Wer auch immer es überarbeitet hat, möchte anonym bleiben.

Blocks tatsächliches Ende ist entsprechend deutlich lahmer als der Wunsch von Autorin Bühlig: "Ich wollte immer, dass sie als Schlussbild vom Barhocker fällt. Und dann: Schwarzblende."

Bella Block: Am Abgrund, ZDF, Samstag, 20.15 Uhr.