Kriminalität Der "Sex-Mob", den es nie gegeben hat

Auf der Frankfurter Freßgass hat es nach Polizeiangaben entgegen früherer Berichte keine massenhafte Randale und Übergriffe gegeben.

(Foto: dpa)

Nachdem die "Bild"-Zeitung vor einer Woche über angebliche sexuelle Übergriffe in der Frankfurter Silvesternacht berichtet hatte, entschuldigt sich jetzt das Blatt. Denn die Polizei ermittelte und fand: nichts.

Von Susanne Höll

Vor gut einer Woche hatte ein Bericht der Bild-Zeitung für Aufregung in Frankfurt gesorgt. Unter Berufung auf einen Frankfurter Gastronomen und ein vermeintliches Opfer schrieb das Blatt über massenhafte Übergriffe arabischstämmiger Männer in der Freßgass', einer beliebten Ausgeh-Meile in der Innenstadt am jüngsten Silvesterabend. Die Rede war von Hunderten angetrunkener arabisch anmutender Migranten, die in der Freßgass' Gäste belästigt, Mäntel gestohlen, Frauen bedrängt und mit Flaschen geworfen haben sollten.

Die Polizei ermittelte, die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, die Berichte weckten sorgenvolle Erinnerungen an die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof am Silvesterabend des Jahres 2015. Die Ermittler kamen am Dienstag nun zu einem überraschenden Ergebnis: Den von Bild unter Berufung auf den Wirt und die angeblich belästigte Frau ausführlich beschriebenen "Sex-Mob" hat es nie gegeben, die Geschichte war schlicht erfunden.

Nun ermittelt die Polizei gegen Gastronom und vermeintliches Opfer

Stattdessen geht die Justiz nun gegen die Urheber der erfundenen Geschichte vor. "Die Vorwürfe sind so haltlos, dass die Staatsanwaltschaft Frankfurt nunmehr wegen der sich ergebenden Verdachtslage ein Ermittlungsverfahren wegen Vortäuschens einer Straftat eingeleitet hat", erklärte die Frankfurter Polizei. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft erklärte, ermittelt werde gegen den Gastronomen und die Frau, die in der Silvesternacht offenbar gar nicht in der Stadt gewesen war. Die städtischen Sicherheitsbehörden hatten sich tagelang und vergeblich bemüht, Zeugen für die vermeintlichen Übergriffe zu finden. Der Gastronom muss zudem mit einer Überprüfung seiner Gaststätten-Konzession rechnen.

Frankfurter Medien, aber auch überregionale Publikationen hatten den Bericht der Bild aufgegriffen, allerdings in deutlich zurückhaltender Form. Zugleich hatten sie sofort Bedenken bezüglich der Schilderungen angemeldet, weil auch sie keinerlei Bestätigungen anderer Freßgass'-Wirte finden konnten. Alsbald wurden auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Gastronomen laut. Der wehrte sich daraufhin auf seiner Facebook-Seite gegen den Vorwurf, er sei ausländerfeindlich oder rechtsgerichtet. Allerdings stellte er sich als Kritiker der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung dar und rügte "unkontrollierte Zuwanderung".

Das Springer-Blatt Bild veröffentlichte die Erklärung der Frankfurter Polizei am Dienstag bereits in seiner Online-Ausgabe und entschuldigte sich bei den Lesern. "Mit Bedauern muss die Redaktion feststellen, dass die wiedergegebenen Aussagen und Anschuldigungen ... gänzlich haltlos sind", heißt es in der Erklärung. Die Redaktion entschuldige sich ausdrücklich für die nicht wahrheitsgemäße Berichterstattung und die erhobenen Vorwürfe. "Diese Berichterstattung entspricht in keiner Weise den journalistischen Standards von Bild", hieß es weiter. Intern solle nun geklärt werden, wie es zu diesem Fall habe kommen können.

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