bedeckt München 14°

Kolumne "Schön doof":Achtung, Spoiler!

Was fürchtet der Seriengucker mehr als alles andere? Richtig: Hinweise darauf, wie es weitergehen könnte.

Von Martin Wittmann 

"Niemand weiß, was die Zukunft bringt - außer Astro-TV" stand vor drei Wochen über einer Reportage auf diesen Seiten. Das stimmt nicht. Tatsächlich wissen sehr viele Leute, was die Zukunft bringt. Zu viele. Sie sind viel aufdringlicher als die TV-Wahrsager, zudem kann man sie nicht einfach nicht einschalten, sie lauern an den verblüffendsten Ecken. Aber was soll man jetzt ein großes Geheimnis daraus machen, um was es hier geht. Es steht ja schon im Vorspann. Das ist ja das Problem.

Es geht also um jene rücksichtslosen Leute, die beim Schreiben über Filme oder Serien sogenannte Spoiler (nein, nicht die Autoteile) verbreiten: Hinweise auf Wendungen, Pointen, Frisuren oder Handlungsstränge. Sie verraten die Geheimnisse von Werken, die von diesen Geheimnissen leben. Man denke etwa zurück an das Jahr 2005, als Spielverderber kurz nach Erscheinen des sechsten Harry-Potter-Bandes T-Shirts mit der Aufschrift "Dumbledore stirbt auf Seite 596" trugen.

Minenfeld Internet

Ein aktuelleres Beispiel: Angenommen, man steckte in der zweiten Staffel der Serie "Game of Thrones", während bereits die fünfte ausgestrahlt wurde. Kein Problem, irgendwann würde man die vielen dorthin führenden DVDs schon noch wegschauen. Bis dahin wolle man nichts vom Fortgang der Geschichte erfahren.

So musste man - weil es heute nicht mehr die Spaßkanone mit Dumbledore-Shirt ist, die die Vorfreude verdirbt, sondern das Minenfeld Internet - beim Surfen vorsichtig sein. Das Netz weiß mehr über einen als man selber? Wen kümmert's, viel Spaß mit der öden Datensuppe! Dass es mehr über Serien (preiszugeben) weiß, das ist das Problem. Früher musste man Wissen mühsam suchen; heute muss man sich überall vor ihm verstecken.

Sechs Wochen sind nun seit der Ausstrahlung des Finales jener fünften Staffel vergangen. Jede Kritik der Folge wurde hurtigst weggescrollt. Und der einzige Spoiler, dem man nicht ausweichen vermochte, steigerte die Spannung nur: Einer der Helden wurde nach dem Finale von vielen Kommentatoren im Netz für tot gehalten - aber nicht von allen. Außerdem tauchten mysteriöse Bilder vom Darsteller der Figur auf, am Drehort der sechsten Staffel, mit Serienfrisur. Doch nicht tot? Huiuiuiuiui.

Toter als tot

Dieses reizende Rätsel würde einen nun begleiten, bis man sich von der Couch aus zum Fünfer-Finale vorgekämpft hätte, hoffte man. Aber dann mischte sich ausgerechnet Barack Obama ein. Weil der sich ebenfalls für die Serie interessiert, beförderte er das Thema kurzerhand von den Unterhaltungsseiten auf unverdächtige News-Portale - wer Obama googelte, bekam einen "Game of Thrones"-Spoiler. Weil Obama persönlich den Regisseur der Folge nach dem Helden fragte. Seine Antwort: "Der ist toter als tot." Dann hätten wir das auch geklärt, danke.

Die Serie ist damit auch toter als tot. Es lebe Astro-TV. Da gibt es nicht weniger Mittelalterfrisuren als bei "Game of Thrones", das Programm aber ist live und unberechenbar. Zumindest für die Zuschauer.

© SZ vom 01.08.2015/stka
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema