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Katholische Kirche:Lesen und Schweigen

Rainer Maria Kardinal Woelki beim Morgengottesdienst zur Fr¸hjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Ho

Rainer Maria Kardinal Woelki bei einem Gottesdienst im März 2020.

(Foto: Peter Back via www.imago-images./imago images/Future Image)

Eine Pressekonferenz des Erzbistums Köln endet im Desaster. Das erzählt viel über das zerstörte Vertrauen zwischen den Medien und Kardinal Rainer Maria Woelki

Von Matthias Drobinski und Christian Wernicke, Frankfurt/Düsseldorf

Der Dreikönigstag ist ein wichtiger Feiertag im katholischen Köln. Im Dom der Stadt steht der Schrein, der angeblich die Gebeine jener drei weisen Männer enthält, die dem Stern folgten und das neugeborene Jesuskind fanden.

"Wir brauchen Licht, gerade in der dunklen Zeit", predigt Kardinal Rainer Maria Woelki, der Erzbischof von Köln. Er spricht vom Mut der Weisen aus dem Morgenland, ins Ungewisse aufzubrechen, und dass die Christen das Licht der Liebe weitergeben sollen. Es ist eine ordentliche Predigt - aber was ist noch in Ordnung im katholischen Köln in diesen Tagen?

Dem WDR, der am Mittwoch das Hochamt in seinem Radioprogramm übertrug, war der Prediger nicht geheuer. Der Sender bat, dass Woelki verzichte, es gebe ungeklärte Vorwürfe gegen den Erzbischof. Eine Sprecherin bestätigte dem Kölner Stadtanzeiger, dem WDR sei "bewusst, dass es sowohl bei Gläubigen als auch bei kirchenfernen Menschen Erklärungsbedarf zum Umgang des Kardinals mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch gibt".

Woelki hat 2015 den Fall eines befreundeten Düsseldorfer Pfarrers nicht nach Rom gemeldet

Woelki aber wollte keinesfalls verzichten. Und so predigte er. Eingebettet in eine Berichterstattung des WDR, die erklärte, warum der Kardinal gerade so sehr in der Kritik steht: Er hat ein - umstrittenes - Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl über das Verhalten der Kirchenverantwortlichen bei Missbrauchsfällen zumindest vorerst in der Schublade verschwinden lassen. Und Woelki hat 2015 den Fall eines befreundeten Düsseldorfer Pfarrers nicht nach Rom gemeldet, wozu er nach Ansicht vieler Kirchenrechtler eigentlich verpflichtet gewesen wäre.

Das Verhältnis des Kardinals zu den Medien im Erzbistum jedenfalls liegt zerstört am Boden wie nicht einmal zur Zeit des konservativen Kardinals Joachim Meisner. Als im November der Frankfurter Strafrechtler Matthias Jahn und der Erlanger Kriminologe Franz Streng ihre Fundamentalkritik an dem Münchner Gutachten vorstellten und der Kölner Strafrechtler Björn Gercke sein Vorhaben, die Akten erneut aufzuarbeiten, da schlug ihnen das geballte Misstrauen der Journalisten entgegen.

Beobachter und Berichterstatter erleben das Erzbistum als Wagenburg. Woelki und sein Generalvikar Markus Hofmann verteidigten sich nur noch, Juristen bestimmten die hölzerne Sprache, hat der Journalist Joachim Frank vom Kölner Stadtanzeiger erfahren: "Und so liest es sich dann ja auch." Drei Kommunikationsberater hat Woelki in fünf Jahren Amtszeit in Köln verschlissen.

Ein Zettel bedeutet den Journalisten, dass ihnen nicht viel Zeit bleiben soll, um das 500 Seiten starke Gutachten zu studieren

Und nun führt auch noch ausgerechnet eine Aktion der neuen Medien-Chefs zu neuem Ärger, die eigentlich als Geste des guten Willens gedacht war. Acht ausgewählte Journalisten hatten für den Dienstag vor dem Dreikönigstag eine Einladung zum Hintergrundgespräch erhalten. Professor Jahn würde noch einmal erläutern, weshalb er das Münchner Gutachten für nicht veröffentlichbar hält - und die Journalisten könnten einen Blick in das bislang verschlossene Gutachten der Münchner Kanzlei werfen. Ein attraktives Angebot.

15.30 Uhr also geht es los in der fünften Etage des Kölner Generalvikariats, bei Kaffee und Apfelstreusel. Gekommen sind Kollegen von zwei Nachrichtenagenturen und drei Tageszeitungen, zwei Fernsehsendern, einem Radiosender. Eine bunte, durchaus kritische Schar. Am offenen Ende des U-förmigen Tisches steht ein Fernseher. Über den Bildschirm wird Rechtsprofessor Matthias Jahn zugeschaltet, der erklären soll, warum das Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl "unrichtig" und letztlich "unhaltbar" sei. Diese Adjektive stehen auf einem von drei Handzetteln, die als "Fazit" zur Begrüßung verteilt werden. Ein anderer Zettel bedeutet den Journalisten, dass ihnen nicht viel Zeit bleiben soll, um das 500 Seiten starke Gutachten zu studieren: 20 Minuten von zwei Stunden sind im Ablaufplan für die "Möglichkeit zur Lektüre" vorgesehen.

Doch dazu kommt es nicht. Die Journalisten empört, was sie auf einem dritten DIN-A4-Blatt lesen, das sie dann unterschreiben sollen: eine "Vertraulichkeits-Vereinbarung." Die Pressevertreter sollen vorab zusichern, niemals die im Gutachten "geschilderten Tathergänge sexuellen Missbrauchs" oder "benannte Täter" preiszugeben. Ebenso wenig dürfe ein Journalist preisgeben, was da Kritisches im Gutachten über "benannte Verantwortungsträger im Umgang mit (Verdachts-)Fällen sexuellen Missbrauchs aus dem Erzbistum Köln" zu lesen sei. Erlaubt bleibe es, die für 30 Minuten angesetzte Kritik von Rechtsprofessor Jahn an dem Gutachten zu verbreiten. Soll also alles Heikle, jede Gewalttat, jeder Versuch kirchlicher Vertuschung geheim bleiben, allein die Interpretation von Professor Jahn öffentlich werden? Außer es gibt eine, wie es heißt, "schriftliche Freigabe durch das Erzbistum Köln"?

Die Journalisten protestieren. Einer von ihnen ist Joachim Frank, der Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeigers. "Hätten wir uns darauf eingelassen, hätten wir anschließend nur die längst bekannten Thesen von Professor Jahn ausbreiten können," sagt Frank, "eine derartig kanalisierte Form der Wahrheitsfindung wollte niemand von uns mitmachen."

Als der betroffene Mann protestierte, sah das Erzbistum plötzlich Versäumnisse bei einer Opferbeauftragten

Frank hat im Dezember den Fall des Düsseldorfer Priesters aufgedeckt, dessen Missbrauchstat Woelki nicht nach Rom gemeldet hatte. "Nach jeder Recherche hätte es heißen können, mein Wissen stamme aus dem Hintergrundgespräch," sagt er. Entweder könne er dann nicht mehr schreiben - oder er sei gezwungen, zum Beweis eigenständiger Arbeit seine Quellen zu offenbaren.

Und so endete nach einer guten Stunde das Treffen beim Tagesordnungspunkt 1 - und im Desaster.

Der Presserechtler Carsten Brennecke von der Kanzlei Höcker hatte dem Erzbistum geraten, eine solche Verschwiegenheitsverpflichtung einzufordern - die Kanzlei ist bekannt für eine offensive Medienarbeit. Brennecke, der an der Pressekonferenz nicht teilnahm, hält solche Verschwiegenheitserklärungen für durchaus üblich: "Führende deutsche Investigativjournalisten akzeptieren das quer durch alle führenden Blätter", sagt er der SZ.

Sie schützten die Gesprächspartner, die sich nur mit hohem Risiko selber öffneten. Dies stärke letztlich die Pressefreiheit: "Journalisten kommen so an veröffentlichungsfähige Informationen, an die sie sonst nie gekommen wären und die die Öffentlichkeit sonst nie erfahren hätte." Allerdings treffe man solche Vereinbarungen in der Regel vor einem Gespräch "und auf Augenhöhe". Sie Journalisten ohne Ankündigung vorzulegen, sei nicht unbedingt klug.

Aus Brenneckes Sicht ging es vor allem darum, die Persönlichkeitsrechte der in dem Münchner Gutachten so scharf und aus ihrer Sicht falsch beurteilten Kirchenverantwortlichen zu wahren - die Journalisten sahen sich überrumpelt, gegängelt, bedrängt. Das sagt viel über das verlorene Vertrauen in die Medienarbeit des Erzbistums. Die katholische Kommunikation gehorche oft dem Gebot, nur zuzugeben, was schon bekannt ist, hat auch Frank bei seinen Recherchen über den inzwischen verstorbenen Priester erfahren, in dessen Missbrauchsfall Woelki so auffallende Milde walten ließ: "Niemand sagt da die Unwahrheit - aber man sagt nie alles."

Nach Franks ersten Enthüllungen erklärte die Pressestelle des Erzbistums, man habe seinerzeit keine Voruntersuchungen gegen den beschuldigten Priester einleiten können, weil dessen mutmaßliches Opfer "ausdrücklich nicht an der Aufklärung des Sachverhalts mitwirken wollte". Als der betroffene Mann protestierte, sah das Erzbistum plötzlich Versäumnisse bei einer Opferbeauftragten. Doch auch die protestierte gegen diese Darstellung.

Beim Amtsgericht Köln sind bis Ende März die Termine für Kirchenaustritte ausgebucht.

© SZ/hy
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Von Matthias Drobinski

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