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"Karl Marx - der deutsche Prophet" auf Arte:"Jeder Schauspieler hat ein linkes Herz"

Karl Marx - der deutsche Prophet

Mario Adorf blickt als Bilderbuch-Marx auf dessen ereignisreiches Leben zurück.

(Foto: ZDF und Martin Christ)

Ein Traum erfüllt sich: Mario Adorf darf Karl Marx spielen. Für einen richtigen Spielfilm hat das Geld von ZDF und Arte aber offenbar nicht gereicht.

Von Willi Winkler

Mit jedem Jahr, das der Kapitalismus fetter und mächtiger wird, vermehrt sich der Ruhm eines streitlustigen Journalisten noch weiter, der ihn bereits 1848 in seiner ganzen abschreckenden Unbesiegbarkeit geschildert hat. "Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor."

Das "Kommunistische Manifest" endet nach einer Bestandsaufnahme, die heute selbst geriebenste Dax-Profis preisen, mit dem romantischen Befehl, endlich die Konsequenzen zu ziehen: "Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten!"

Niemand verkörpert besser als Karl Marx das Elend der Intellektuellen, die es womöglich sogar wirklich besser wissen, doch leider will es niemand hören. Der Revolutionär ruft zum Umsturz der unerträglichen Verhältnisse auf, das revolutionäre Subjekt, der Arbeiter, hat aber keine Zeit, weil es noch seinen Jahresurlaub nehmen muss.

Viele Jahre habe er an das Ende des Kapitalismus geglaubt, sagt Mario Adorf

"Jeder Schauspieler hat ein linkes Herz", behauptet Mario Adorf. Er sieht dabei nicht übermäßig revolutionär aus, sondern so vertrauenerweckend wie der beliebte Mario Adorf und spricht auch wie er, aber bei der Präsentation des Films verwandelt er sich nebenan auf einem Monitor im Zeitraffer in den rauschebärtigen, silberhaarigen Marx der alten Fotos. Zweieinhalb Stunden dauerte die Prozedur in der Maske, dann erst konnte dieser Bilderbuch-Marx, mit einem Stock bewaffnet, in das orientalische Menschengewühl in Algier hinausspazieren.

Im Dokudrama Karl Marx - der deutsche Prophet (Buch: Peter Hartl; Regie: Christian Twente) ist ein gut gelaunter, großväterlicher Marx zu sehen, der Briefe an seine Kinder schreibt, dem Doktor seine Beschwerden klagt, zum Friseur geht und endlich doch zurück nach Hause fährt - nicht allerdings ohne unterwegs nach Art eines besseren Gentleman das Casino in Monte Carlo zu frequentieren. Mit Aktien hat der Kritiker des Couponschneider-Kapitalismus übrigens auch spekuliert.

Mario Adorf wollte schon lange Karl Marx spielen; das Dokudrama anlässlich des 200. Geburtstags bot die wohl letzte Gelegenheit. Es ist Marx' letztes Jahr, er blickt in Sepia auf sein ereignisreiches Leben zurück, aber immer wenn er jung ist und Marx nicht von Adorf gespielt wird, sondern von Oliver Posener, werden die Räume kostengünstig klein, wird die Parteigründung am Billardtisch abgehandelt, blinken kurz die Waffen, rauschen die langen Röcke.

Obwohl Arte und das ZDF zusammenlegten, reichte das Geld offenbar nicht für einen richtigen Spielfilm. Eine Bank am Meer, ein Eckchen Architektur und bescheidene Interieurs müssen ein bisschen Belle Époque vorgaukeln. Marx-Experten, im Wechsel am immer gleichen Arbeitstisch platziert, müssen Einschätzungen geben, dazu gibt es historische Bilder und die passenden Linien in die globalisierte Gegenwart.

"Ich habe viele Jahre an das Ende des Kapitalismus geglaubt", sagt Adorf, und es scheint ihn wirklich zu schmerzen, dass es noch immer nicht so weit ist. Seine Sympathien für Marx reichen weit zurück. 1950 begann er zu studieren und arbeitete nebenher auf dem Bau: "Ich fand mich als Lohnsklave und Marx-Leser wieder." "Großer Wissensdurst, großer Lesehunger" habe ihn auch zu Marx geführt. "Von ihm war das erste Buch, das ich erstanden und nicht geklaut habe."

Der Journalist und Schriftsteller Marx ist es immer noch wert, das Klauen wie das Lesen. Doch auch wenn er seine besten Sachen auf Deutsch geschrieben hat, wird aus Marx kein "deutscher Prophet". Den größten Teil seines Lebens verbrachte dieser erfolgreich aus seinem Vaterland vertriebene Geselle auf der Flucht von einem Exil ins nächste, lebte in Paris, in Brüssel (wo das "Kommunistische Manifest" entstand) und die meiste Zeit in London. Überallhin folgten ihm die preußischen Spitzel, berichteten von der wirtschaftlichen Not seiner Familie, von den wenig ordentlichen Arbeitsgewohnheiten des Revolutionärs, vermutlich auch davon, dass von den sieben Kindern, die ihm seine Frau gebar, vier früh starben.

Wie's längst Vorschrift ist, wird auch dieser große Mann und noch größere Prophet durch eine Frau ausbalanciert, in diesem Fall sogar durch zwei. Da ist einmal die Ehefrau Jenny von Westphalen (Martina Delišová), die zwar kurz mannhaft in der Redaktion der Rheinischen Zeitung steht, für die der Mann seine aufrührerischen Artikel schreibt, die sich aber sonst damit bescheiden muss, ihm mit besorgtem Blick beizustehen und dazu stoffreiche Kleider zu tragen. Jenny kam aus dem Adel, heiratete also etwas unter Stand, und war gebildeter, als die Frauen es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein sollten, und sie liebte ihren Mann. Offenbar konnte sie sogar ein Kind tolerieren, das der so fruchtbare Karl mit der Haushälterin Helena Demuth zeugte, irgendwann zwischen der "Deutschen Ideologie" und dem "Kapital", dessen erster Band 1867 nach jahrelangen Vorstudien endlich erschien.

Noch wichtiger als Jenny wird die Tochter Eleanor (Sarah Hostettler), die es zum Theater drängt. "Auf der Bühne kann ich alles sein", erklärt sie ihrem Vater, der die Literatur liebt wie sie, aber die Revolution nicht aus dem Auge verliert. "Was ist mit meinem Leben?", fragt die Tochter tochtermäßig und gibt es erwartungsgemäß für die große gemeinsame Sache auf.

In Shakespeare waren sie beide vernarrt, aber so arg schwer, wie das Dokudrama behauptet, fiel Eleanor der Verzicht auf die Bühne auch wieder nicht. Sie wurde, was im Film nicht mehr vorkommt, eine begeisternde Rednerin und agitierte in Frankreich, Deutschland und den USA für den Sozialismus.

Eleanors Problem war nicht der anspruchsvolle und anstrengende Vater und auch nicht der Sozialismus, sondern ihr verheerender Männergeschmack. Viele Jahre lebte sie mit dem Genossen Edward Aveling zusammen, bezeichnete sich sogar als seine Ehefrau, obwohl er anderweitig verheiratet war. Mit ihm und Wilhelm Liebknecht stand sie am Grab von Karl Marx, als der 1883 starb. Drei Jahre später erschien ihre englische Version von Gustave Flauberts Ehebruchroman "Madame Bovary"; die amerikanische Ausgabe gab "Eleanor Marse Aveling" als Übersetzerin an. Aveling heiratete noch mal, aber eben nicht sie, und Eleanor Marx folgte dem Beispiel Emma Bovarys und nahm Gift.

Karl Marx - der deutsche Prophet, Arte, Samstag, 20.15 Uhr, ZDF, Mittwoch, 20.15 Uhr.

© SZ vom 28.04.2018/doer
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