Journalismus in der Literatur:War alles schon mal angenehmer

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Journalismus in der Literatur: Für die Story tun sie alles? Eine Studie untersucht, ob Journalisten-Klischees auch in der Literatur vorkommen.

Für die Story tun sie alles? Eine Studie untersucht, ob Journalisten-Klischees auch in der Literatur vorkommen.

(Foto: Stefan Boness/imago/IPON)

Schlecht gelaunt, unseriös, hartnäckig? Eine Studie analysiert, wie Journalisten in Bestsellern präsentiert werden. Mit einigen überraschenden Ergebnissen.

Vor allem in amerikanischen Filmen und Serien ist die Sache oft eindeutig: Eine nervöse Reporterin wird per Zufall auf eine große Schweinerei aufmerksam und setzt dann, die Grenzen der Legalität oftmals mehr als nur streifend, im journalistischen Übereifer mindestens Gesundheit und Reputation aufs Spiel, um den Fall zu lösen. Am Ende - es muss mindestens ein Board mit wild beschriebenen Post-its und angepinnten Zeitungsartikeln vorgekommen sein - ist das Böse überführt, die Reporterin macht ihrem Berufsstand alle Ehre. Siehe die Serien The Journalist oder Inventing Anna, um nur zwei zu nennen.

Frank Überall, Professor für Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln und Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, wollte nun wissen, wie Journalismus in der Literatur dargestellt wird. In der Studie "Wie die Presse sich aufführt" hat er die 51 Bücher untersucht, die von 2019 bis 2021 auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste standen. 1700 Stellen hat er gefunden, an denen Journalisten und Journalismus vorkommen, dafür reichte auch, wenn jemand im Roman zeitungslesend auf der Bank saß. Und was kam raus?

Es ist zunächst eine recht eigenwillige, weil bunt gemischte Liste, die er durchzuarbeiten hatte. Darauf standen etwa "Die Anomalie" von Hervé Le Tellier, "Herkunft" von Saša Stanišić, "Opfer" von Jussi Adler-Olsen, "Das Licht" von T.C. Boyle oder "Über Menschen" von Juli Zeh, in dem eine gestresste Städterin unter anderem der Überinformation der Gesellschaft zu Beginn der Pandemie entkommen will und aufs Land zieht.

Überall wollte in seiner Studie zum Beispiel wissen, ob das sich öffentlich verschlechternde Bild und der Vertrauensverlust in Medien auch in den Büchern widerspiegeln. Im realen Leben ist es ja so, dass die vergangenen Jahre dank erstarkendem Populismus und dank den von einigen Gruppen hartnäckig geäußerten Vorwürfen der Fake-Newsisierung dem Ruf von Journalistinnen und Journalisten nicht gerade zuträglich waren. Auch der Beruf an sich war schon mal angenehmer, Gewalt gegen Reporter nimmt weltweit zu, auch in Deutschland, wo Berichterstatter auf Anti-Corona-Maßnahmen-Demos nicht nur um ihr Equipment fürchten mussten. Überalls Fazit: Diese Realität ist in der Literatur angekommen.

Er prüfte außerdem, ob es mehr männliche als weibliche oder diverse Journalisten in den Büchern gibt (nicht mehr Männer, aber keine diversen Menschen), wie seriös die Journalisten recherchierten (oft nicht sehr seriös), ob sich auch fiktive Journalisten so schlecht kleideten, rauchten und so viel soffen, wie das Klischee besagt ("nicht validierbar" - ähm, hallo?). Presseverbände spielten erwartungsgemäß eher keine Rolle, Presseausweise hingegen werden fleißig gezückt. Und, Überraschung, die gedruckte Zeitung erfährt in der Literatur weitaus mehr Zuneigung als in der Realität, wo journalistische Inhalte mehr und mehr auf Screens konsumiert werden.

Pressepack, Geier und Scheißreporter - die literarischen Beleidigungen sind vielstimmig

Wenig erstaunlich ist, dass Journalisten in der untersuchten Literatur nicht als die gerechtigkeitsliebenden Aufklärer gezeigt werden, sondern vor allem als "Verkäufer" präsentiert werden, die Auflagen sichern und Storys pushen müssten. In Jussi Adler-Olsens Krimi "Opfer" ahnt ein freiberuflicher Journalist zum Beispiel, dass eine Geschichte "groß werden konnte", er wittert den Scoop, der "die Story ungleich verkäuflicher" mache.

An einigen Stellen werden Journalisten dann auch recht unverblümt beschimpft: "Pressepack", "Scheißreporter", "sensationslüsterne Schreiberlinge", die "reißerische" Texte und "schmierige Artikel" in "Lokalzeitungen" schrieben. Juli Zeh lässt eine Figur über vermeintliche Boulevardisierung sagen, man müsse nur behaupten, "das Coronavirus sei eine Erfindung von Angela Merkel, damit ein Nachrichtenportal für kostenlose Werbung sorgt".

Nur Michel Houellebecq ist etwas kreativer, wenn er in "Serotonin" Journalisten vertreibt, und zwar mit der "schlichten virilen Drohung eines zünftigen Kolbenhiebs gegen den Kopf". Die gute Nachricht hier: Die Zahl der Vergleiche von Journalisten mit Tieren blieb hinter den Befürchtungen zurück, Frank Überall fand wenige "Geier" und nur eine "Kakerlake".

Trotzdem, so Überalls Fazit, wird Journalismus in der Literatur als relevant angesehen. Er kommt in fast allen untersuchten Büchern vor, an gut einem Drittel der Stellen als "beiläufiger Medienkonsum", noch öfter sind Journalismus oder Journalisten "treibende Elemente der Erzählung". Und eine Quasi-Liebeserklärung an den Journalismus hat er auch noch entdeckt. Die kommt von Sebastian Fitzek, der im Untersuchungszeitraum mit gleich drei Büchern auf Platz eins der Liste war. In einem Gespräch über Berufe lässt er eine Figur sagen: "So sexy wie 'Ich bin Investigativjournalist' klingt es auf einer Party sicher nicht." Immerhin.

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