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Journalismus in Deutschland:Vorletzte Worte

Michael Graeter und Curd Jürgens, 1982

Als Society-Experte schlechthin berichtete der Journalist Michael Graeter (links), hier mit Schauspieler Curd Jürgens, über die Schickeria.

(Foto: Otfried Schmidt)

Gruner + Jahr hat vielen seiner schreibenden Redakteure gekündigt. Was gilt der Journalismus noch, wenn Verlage auf Autoren verzichten? Eine Bestandsaufnahme nach einer Woche, in der Ideale verkauft wurden.

Von Michael Jürgs

Über den Autor

Michael Jürgs, 69, ist Journalist und Buchautor. Von 1986 bis 1990 war er Chefredakteur des Stern.

Naturgemäß ist es zu spät, bei einer Trauerfeier darüber zu streiten, ob man die teure Braut hätte retten können, falls ihre Neigung zur Fettleber von Ärzten rechtzeitig erkannt worden wäre.

Deshalb sind solche Diagnosen gescheiterter Scharlatane am Beispiel der Sparbeschlüsse bei Gruner + Jahr über einen "Untergang der deutschen Zeitschriftenkultur" keiner weiteren Nachrede wert. Falls selbst ernannte Medienexperten nicht mehr twittern könnten, müssten sie denken, bevor sie sich äußern. Wahrscheinlich ist Zwitschern in der Medienlandschaft so beliebt, weil die höchstens erlaubten 140 Anschläge das Denkvermögen der Versender nicht überfordern.

Dieser Text hat 7600 Anschläge und ist eher von Wehmut getragen statt von Zorn. Wehmut im Rückblick auf die goldenen, auch selbst erlebten Zeiten des Journalismus, aber doch auch Zorn über gewisse Verkünder gewisser Botschaften, die sich erdreisten, die jüngsten Entlassungen im Hamburger Zeitschriftenverlag so zu kommentieren: "Zukünftig werden die Titel der Brigitte-Gruppe von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert. Durch diese Strukturumstellung holt Brigitte mehr Vielfalt und Potenzial von außen rein."

Nur die Chef-Brigade darf bleiben

Denn diese Newspeak von krawattenlosen Flanellmännchen, die ohne uns Journalisten gebrauchte Tablets verkaufen müssten so wie ihre Vorgänger einst, als es so etwas noch gab, Nähmaschinen, und die bei Entlassungen wie Pferdeflüsterer von Freisetzungen reden - bedeutet in Wahrheit ja etwas ganz anderes.

Die Betroffenen, aktuell bei Brigitte und bei Geo samt Töchtern, zuvor bei Stern und Neon, sind danach weder flexibel noch potent, weder agil noch kreativ genug, um für das Mindestziel schwarze Null in der Bilanz des Verlages, der von Allerheiligen an allein bei Bertelsmann ins Gebet genommen wird, künftig noch nützlich zu sein. Die Chef-Brigade in größerer Zahl offenbar schon. Denn die darf bleiben. Noch.

Die Notlage der Branche galt als Hölle der anderen

Eine real schon lange existierende Notlage der Branche galt bei Gruner + Jahr allzu lange als die Hölle der anderen. Weshalb man den Aufbruch in digitale Welten verschlief. Dass die Krise auch das eigene, auf seine Tradition stolze Haus betraf, blieb draußen vor der Tür. Als Texte und Fotos noch einmalig sein mussten, um gedruckt zu werden, als ihre Schöpfer noch First Class flogen und Verleger ihren Champagner aus den Gehirnschalen ihrer Chefredakteure tranken, umschwärmten Verlagsmanager die Fotografen und Autoren wie Motten das Licht. Denn das strahlte auch aus auf diese grauen Herren.

Das alles ist vorbei. If the news is that important, it will find me lautet heutzutage das coole Mantra einer Kundschaft. Wenn etwas wichtig ist, erfährt sie es automatisch, in welcher Form auch immer via Internet, Fernsehen, Radio oder Breaking News auf dem Smartphone. Früher musste man eine Tageszeitung, eine Zeitschrift, ein Magazin kaufen und lesen, um mitreden zu können. Heute genügen, siehe oben, die genannten 140 Anschläge, um auch unter Profis als informiert zu gelten.

Ohne Menschen wird es auch in Zukunft nicht gehen

Dass es den Verlag Gruner + Jahr härter trifft als Medienhäuser von nicht gar so großer Bedeutung, liegt daran, dass die Fallhöhe eine ganz andere ist als bei denen. Ob anderswo, in Hamburg oder in Offenburg, ein Chefredakteur fünf, sechs, sieben Blätter leitete, ob Sprachlose eigene Kolumnen bekamen, war etwa so wichtig wie das Umfallen jenes berühmten Sacks mit Reis in China. Bei G+J, wohin es uns zog, aber spielte Geld keine Rolle, sobald es um Qualität ging.

Hier zählten bei Recherchen die Ergebnisse und nicht die Kosten der Etappen auf der Reise zum Ziel. Man sang zwar nicht täglich We are the champions, doch man fühlte sich so. Nicht nur die Champions beim Stern, wo nach dem Skandal mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern wenigstens für immer die üble Arroganz der Macht beerdigt wurde. Sondern auch bei anderen Magazinen des ehrenwerten Hauses.

Doch vom Brot der frühen Jahre, dick belegt mit vierzehn Monatsgehältern, Gewinnbeteiligung, Dienstwagen, also mit fettem Schinken und Speck, kann man nicht mehr zehren. Im Wortsinne musste abgespeckt werden. Neue Spesenordnungen - Interviews per Skype statt live vor Ort, Übernachtungen gern bei Freunden statt im Hotel - reichten nicht. Die Schließung ganzer Magazine und Zeitungen auch nicht. Gespart wird deshalb am human factor. Der Mensch als Mittel. Punkt.

Doch ohne Menschen wird es auch in Zukunft nun einmal nicht gehen. Ohne Wahnsinnige, Kreative, Mutige, Unberechenbare, die daran glauben, dass am Ende des Regenbogens ein Schatz liegt, den nur sie alleine heben können. Ohne die Autoren und Fotografen, die einen Augenblick erkennen und ihm befehlen können, verweile doch, du bist so schön. Alles andere lässt sich nachschlagen.

Doch immer noch wie ehedem und erst recht, wenn alle googeln, werden die Menschen berührt oder informiert, aufgeschreckt und aufgerüttelt nicht mit 140 Anschlägen, sondern mit Geschichten, von denen sie noch nie gehört oder noch nie aus einer bestimmten Perspektive gelesen haben. An dieser simplen Erkenntnis hat sich nichts geändert durch neue Formen des Journalismus, durch die Herrschaft der digital natives über die digital immigrants oder gar analogen Nostalgiker.

Erfolg trotz Qualität

Blogwarte jedweder Couleur ersetzen nicht eine - eben doch nötige - moralische Grundhaltung. Das ist altmodisch. Aber immer noch wahr. Es trifft, auch das ist wahr, nicht immer die Falschen, sobald Journalisten freigesetzt werden. Auch bei denen gibt es viele, die andere Berufe schwänzen.

Was bei Gruner + Jahr passiert, ist eine Kulturrevolution. Es dürfte für die Vorstandschefin Julia Jäkel verdammt schwierig werden, am Ende als Siegerin auf dem Schlachtfeld zu stehen. Aber richtig ist auch: In Gefahr und Not bringt der Mittelweg den Tod. Wie man Erfolg trotz Qualität haben und schwarze Zahlen schreiben kann, zeigen beispielsweise die Geo-Enkel namens Geo Epoche, Geo Wissen, Geo Kompakt, alles mutige Hausgeburten.

Darth Vaders, die Journalismus als Produkt betrachten

Manchmal sind Journalisten mitschuldig, wenn wieder eine journalistische Tradition zu Grabe getragen wird. Bescheidenheit gehörte noch nie zu unseren wichtigen Eigenschaften. Aber auf der gegenüberliegenden Seite der Tische, die nicht konsensträchtig rund sein dürfen in diesen Zeiten, müssten Manager sitzen, die davon überzeugt sind, dass es möglich ist, mit neuen Ideen, egal in welcher Form, aber mit Sprache und Leidenschaft das Jammertal zu überbrücken.

Wenn aber auf der anderer Seite Darth Vaders sitzen, die das, was Journalisten können, als Produkte betrachten, die man entweder günstig verkaufen oder aber, falls es nicht mehr so läuft, aus dem Regal werfen kann, ist es verlorene Liebesmüh, sich ungebrochen immer wieder unbeugsam auf die Suche danach zu begeben, was die Welt im Innersten zusammen hält.

Sonst könnte man es ja machen wie die Firma Instant Headline Testing in den USA. Deren Geschäftsmodell: Sie offeriert Journalisten, ihre Texte online testen zu lassen, indem sie dafür unterschiedliche Headlines anbieten und erfahren, welche von denen die meisten Klicks bekommen haben - also bestens ankommen bei den Kunden.

Noch lange nicht das letzte Wort

Ein Artikel über die Ereignisse bei Gruner + Jahr könnte nach diesem Modell mit verschiedenen Überschriften getestet werden. Die eine würde lauten "Mrs. Jäkel und Mr. Hyde" und käme bei Lesern der Titanic wohl am besten an. Die andere könnte heißen "Der Mensch als Mittel. Punkt" und würde unter Verlagsangehörigen die meisten Klicks bekommen.

Mein Vorschlag: Vorletzte Worte. Weil ich daran glaube, dass über uns noch lange nicht das letzte Wort gesprochen oder geschrieben ist.

© SZ vom 31.10.2014/khil

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