bedeckt München 19°

Jörg Schönenborns Interview mit Wladimir Putin:Putins Zahlen "absurd hoch"

Ein ähnliches russisches Gesetz hatte zuletzt auch in Deutschland zu Irritationen geführt. Putin verteidigte die neue Gesetzeslage, wonach NGOs, die in Russland arbeiten und aus dem Ausland finanziert werden, als "ausländische Agenten" betrachtet werden. Putin berichtete von 654 Organisationen, die in den vier Monaten seit Inkrafttreten des Gesetzes knapp eine Milliarde Dollar aus dem Ausland bekommen haben sollen. Eine Zahl, die erfahrenen Beobachtern "absurd hoch" vorkommt: "Die russischen NGOs wären hocherfreut, ja sie würden geradezu jubilieren, hätten sie auch nur einen Bruchteil dieser riesigen Summe Geld zur Verfügung", schrieb etwa Jens Siegert, Leiter des Moskauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in seinem Blog.

Während Putin weiter gegen seine Kritiker austeilte und Schönenborn etwa fragte, ob er wirklich nicht verstünde, wie absurd seine Frage sei, bekräftigte er bekannte Ansichten. Er kritisierte die Waffenlieferungen des Westens an die syrische Opposition, verteidigte zugleich aber die russischen Hilfen für Assad. Eine Lösung des blutigen Bürgerkrieges? Gibt es in seinen Augen nur am Verhandlungstisch. Scharf kritisierte Putin, dass viele Russen mit Sparguthaben auf Zypern an der Bankenrettung beteiligt werden. Von ganz allein sprach er das Thema Geldwäsche an. Ob denn nicht auch für russische Anleger auf Zypern die Unschuldsvermutung gelte?

Schwierige Mission

Schönenborn war in Moskau auf schwieriger Mission, mit dem russischen Präsidenten hatte er einen listigen Interviewpartner. Es war ein schwieriges Gespräch, das stellenweise an Claus Klebers missglücktes Interview mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad im Frühjahr 2012 erinnerte. Doch Schönenborn parierte Putins Attacken einigermaßen gelassen. Gegenfragen des Präsidenten wich er aus, Putins Dokumente legte er nonchalant beiseite.

Das hinderte viele Zuschauer aber nicht daran, Schönenborns Leistung teils drastisch zu kritisieren. In Blogs und sozialen Netzwerken musste sich der WDR-Chefredakteur üble Schmähungen gefallen lassen. Tonangebend waren Blogs zweifelhafter Couleur, etwa islamfeindliche Plattformen.

Die wichtigste Frage blieb letztlich offen. Welches Ziel verfolgt ein Medium, wenn es den russischen Präsidenten befragt? Der Erkenntnisgewinn aus dem Interview war bescheiden, Putins Statements blieben oberfächlich und waren altbekannt. Schönenborn fehlte offensichtlich die Expertise, um bei Details hartnäckig nachzuhaken. Vielleicht hätte er lieber seinem Russlandkorrespondenten das Feld überlassen sollen. Doch das hatte Putin offenbar zu verhindern gewusst: Laut internen WDR-Angaben machte der Präsident seine Zusage davon abhängig, dass der Chefredakteur das Interview führt.

© Süddeutsche.de/jasch/lala/anh

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite