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Jauch-Sendung zur Flüchtlingskrise:Wenn Journalisten die Tränen kommen

Wie soll die Flüchtlingskrise gelöst werden? Die Gäste bei Günther Jauch diskutieren emotional und hitzig - doch nur ein Gast bricht das Talkraster auf.

Eigentlich haftet Hans-Ulrich Jörges nicht der Ruf an, nah am Wasser gebaut zu sein. Doch als er gestern in der Talkshow von Günther Jauch von seinen Erlebnissen an der kroatisch-slowenischen Grenze berichtet, schießen dem Stern-Journalisten die Tränen in die Augen.

Seit Tagen spitzt sich die Situation in den beiden Balkanländern zu. Das kleine Slowenien fühlt sich überfordert und von den anderen EU-Staaten im Stich gelassen. Die Leidtragenden sind die Flüchtlinge. Tagelang würden sie teils ohne Essen und Trinken in slowenischen Lagern festgehalten, berichtet Jörges. Aus Flüchtlingen würden Gefangene. Unmenschlich sei das, so der Journalist. "Dieses Lager ist die Vorhölle Europas."

Sloweniens Regierungschef warnte vor dem Ende der EU

Die Flüchtlingskrise hält den Kontinent weiter in Atem. Gestern kamen in Brüssel die Spitzenpolitiker von 13 europäischen Staaten zusammen, um den chaotischen Zuständen auf der sogenannten Balkan-Route etwas entgegenzusetzen. Die Stimmung auf dem Krisentreffen war angespannt. Sloweniens Regierungschef warnte gar vor dem Ende der EU, sollte Europa die Krise nicht in den Griff bekommen. Die Ergebnisse des Treffens lagen allerdings noch nicht vor, als Moderator Günther Jauch seine Gäste im Berliner Gasometer begrüßte. "Flüchtlingszustrom ohne Ende - wird Europa jetzt zur Festung?", so der Titel der Sendung.

Beantworten konnte die Runde die Frage freilich nicht. Überhaupt fehlte dem Gespräch die klare Linie. Stattdessen tauschten die geladenen Gäste ihre mehr oder weniger bekannten Positionen aus. Der CDU-Politiker und Europaparlamentarier Elmar Brok forderte mehr europäische Zusammenarbeit beim Schutz der EU-Außengrenzen und eine quotierte Verteilung der Flüchtlinge auf alle Mitgliedsstaaten. Peter Gauweiler, ehemals stellvertretener CSU-Vorsitzender, klagefreudiger Europa-Skeptiker und bis vor kurzem Bundestagsabgeordneter, machte sich hingegen für nationale Grenzkontrollen und eine Rückkehr zu den Asylregeln des Dublin-Verfahrens stark.

Einzig Melissa Fleming fiel aus dem Talkraster

Stern-Mann Jörges wiederum warnte vor neuen Grenzzäunen in Europa, während der Schweizer Publizist Frank A. Meyer eine "publizistisch-politische Glaubensgemeinschaft" am Werk wähnte und darauf pochte, bei den anstehenden Veränderungen die deutsche Bevölkerung mitzunehmen. So weit so erwartbar. Einzig Melissa Fleming, Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, fiel aus dem klassischen Talkraster.

"Die Zahl der Flüchtlinge steigt ständig, das Geld sinkt", fasste Fleming die Situation des Hilfswerks zusammen. Für Menschen, die etwa in Jordanien Sicherheit vor dem syrischen Bürgerkrieg suchen, stünden in manchen Lagern nur etwa 50 Cent am Tag zur Verfügung. Eine menschenwürdige Versorgung kann so natürlich nicht gewährleistet werden.

"Die Türkei, der Libanon und Jordanien können nicht mehr", so Fleming. Etwa vier Millionen Flüchtlinge hätten Syriens Nachbarländer mittlerweile aufgenommen. Doch die Zustände in den Lagern und die fehlende Perspektive brächten die Menschen dazu, sich nach Europa aufzumachen. Unterstützung bekommt sie von CDU-Mann Brok. "Die Leute kommen ja nicht aus Chuzpe. Die haben Angst um ihr Leben", so der Europa-Politiker. Da wollte niemand widersprechen.

Die Stimmung zwischen den Schwesterparteien war schon besser

Diese Einmütigkeit war jedoch die Ausnahme. Immer wieder gerieten die Gesprächspartner aneinander. Zur Rechten des Moderators Jauch keiften sich die Publizisten Jörges und Meyer immer wieder leidenschaftlich an, zur Linken fielen sich Europaparlamentarier Brok und Europa-Skeptiker Gauweiler ins Wort. Die beiden Politiker fanden kaum einen gemeinsamen Nenner. "Lassen Sie mich doch einmal ausreden, Herr Gauweiler", flehte Brok schließlich entnervt, als der CSU-Mann ihn wieder einmal unterbrochen hatte.

Die Stimmung zwischen den Schwesterparteien - sie war schon besser. Hier legte Jauch den Finger in die Wunde: Kann der Streit zwischen CSU-Chef Horst Seehofer und CDU-Chefin Angela Merkel nicht die Union zerreißen? Gauweiler wiegelte zunächst ab. Man wisse nicht, was Theaterdonner sei und was wirklich Substanz habe, sagte der Ex-CSU-Vize. Dann schob er nach: "Ich glaube, es geht an die Substanz."

Auch sonst blieb das Gespräch oft im Grundsätzlichen. Kein Wort etwa zum Koalitionsgezerre um die mögliche Einrichtung von sogenannten Transitzonen an der deutschen Grenze. Der aktuelle Teil beschränkte sich weitgehend auf Jörges' Bericht von der kroatisch-slowenischen Grenze. Stattdessen diskutierte die Runde einmal mehr die Frage, ob die Entscheidung der Bundeskanzlerin Ende August in Ungarn, gestrandete Flüchtlinge nach Deutschland zu holen, die Krise verschärft hätte. Die Gäste verzichteten auf überraschende Antworten.

Eine Rückkehr zum Dublin-System gilt als ausgeschlossen

Doch wie soll die Flüchtlingskrise nun gelöst werden? "Wir müssen unsere Hausordnung wieder einhalten", empfahl CSU-Mann Gauweiler und meinte damit das Grundgesetz. Doch eine Rückkehr zum Dublin-System, das es etwa für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge so gut wie unmöglich machen würde, in Deutschland Asyl zu beantragen, gilt als ausgeschlossen. Grenzen schließen? Das funktioniere nur mit Zäunen und Mauern, gab Journalist Jörges zu bedenken. "Das macht Europa kaputt." Europaweite Verteilquoten für Flüchtlinge, auf die CDU-Mann Brok pocht? Machen viele EU-Staaten nicht mit.

Bleibt Jörges' Vorschlag, den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden. Da war sogar Jauch skeptisch: "Die Ursachen des Syrien-Konflikts zu lösen, wird wahrscheinlich eher weniger in europäischer Hand sein", sagte er. So blieb am Ende der Sendung eine gewisse Ratlosigkeit. Allerdings auch nicht mehr als beim Krisengipfel in Brüssel. Als Jauch an die Kollegen von den Tagesthemen abgab, tagten die 13 Regierungschefs noch. Ihre Ergebnisse präsentierten sie erst Stunden später. Dass sie die Flüchtlingskrise lösen werden, glaubt niemand.

© SZ.de/fie

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