Doku über italienische Populisten Heilsbringer im durchgeschwitzten Hemd

Matteo Salvini wird von Anhängern bei einer Kundgebung der Partei Lega Nord begrüßt.

(Foto: dpa)
  • Innenminisiter Matteo Salvini ist für viele Italiener ein Heilsbringer. Für Europa jedoch ist er eine Gefahr.
  • Eine Doku versucht, die beiden Regierungsparteien Lega Nord und die Fünf-Sterne-Bewegung, sowie ihre Chefs Salvini und Luigi di Maio persönlich, politisch und historisch einzuordnen.
Von Carolin Gasteiger

Matteo Salvini winkt den Menschen zu, schüttelt Hände, posiert für Selfies. Sein Hemd ist durchgeschwitzt, ein Ordner reicht ihm eine Flasche Wasser. "Wir glauben an dich. Lass dir das gesagt sein", sagt eine ältere Dame und drückt fest die Hand des italienischen Innenministers. Allein diese Eingangsszene zeigt: Matteo Salvini ist für viele Italiener ein Heilsbringer. Für Europa jedoch ist er eine Gefahr. Die Regierung in Rom weist Flüchtlingsschiffe ab, stellt einen Haushaltsplan vor, der den EU-Stabilitätspakt ausreizt wie nie zuvor. Mit der Koalition aus rechter Lega Nord und der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung scheint sogar ein Austritt Italiens aus der EU möglich.

Die Arte-Dokumentation Vox populi, vox dei fragt nun: "Italien und die Populisten: Eine Gefahr für Europa?" Die Filmemacherinnen Julie Peyrard und Natalia Rodriguez Perez versuchen, die beiden Regierungsparteien und ihre Chefs Salvini und Luigi di Maio persönlich, politisch und historisch einzuordnen. Flankiert wird das von prominenten italienischen Stimmen. Der kapitalismuskritische Autor Erri de Luca kommt ebenso zu Wort wie Palermos Anti-Mafia-Bürgermeister Leoluca Orlando. Und, so viel sei verraten, sie können die Frage im Untertitel bald eindeutig mit Ja beantworten.

Eindrücklich skizziert die Doku, was die beiden Koalitionsführer zu ihrer Allianz bewogen hat: ihre gemeinsamen Feinde. Die da oben. Die alten Parteien. Und Europa. Peyrard und Perez haben Salvini im Film exklusiv interviewt. In Hemd, Sakko und mit lässigem Lächeln sagt er: "Mein Geheimnis ist die Normalität." Er gehe immer noch abends joggen, gehe einkaufen und würde trotzdem erfüllen, wozu er angetreten sei. Wie international beachtet Salvinis Politikstil ist, bestätigen Gleichgesinnte. Der belgische Rechtspopulist Mischaël Modrikamen erklärt: "Viele sagen, Populismus bedeute viel Reden, aber kein Handeln. Salvini beweist das Gegenteil: Er handelt da, wo es immer hieß, das geht nicht." Und der ehemalige Trump-Berater Steve Bannon, der Rechtspopulisten im Europawahlkampf unterstützt, zieht bei einem Auftritt die direkte Linie von Trump über Putin nach Italien.

Insgesamt ergibt sich im Film ein düsteres Bild von der Zukunft Europas. Aber eine Stimme fehlt. Die vielleicht wichtigste, die des Volkes. Wie etwa denken die Wähler Salvinis und di Maios über deren Zweckbündnis? Was sagen sie zu einem möglichen EU-Austritt Italiens? Was versprechen sich die frenetisch jubelnden Menschen von Matteo Salvini und Luigi di Maio? Und vor allem, was sehen sie in ihnen? Für Giuliano Ferrara, Herausgeber der Zeitung Il Foglio, liegt die Begeisterung der Wähler in einer verzweifelten Sehnsucht: "Lieber vorgetäuscht authentisch als eine höfliche, verdruckste Wahrheit." Die Populisten proklamieren, für das Volk zu sprechen. Schade, dass das Volk in diesem Film nicht über die Populisten spricht.

Vox populi, vox dei, Arte, 20.15 Uhr.

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