Dschungelcamp-Finale IBES:Trash ohne Gift

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Dschungelcamp-Finale IBES: König von Trash-TV-Zuschauers Gnaden: Filip Pavlovic schafft es auf RTLs hölzernen Dschungelthron. Und bringt nur noch "danke, danke, danke" raus.

König von Trash-TV-Zuschauers Gnaden: Filip Pavlovic schafft es auf RTLs hölzernen Dschungelthron. Und bringt nur noch "danke, danke, danke" raus.

(Foto: Stefan Menne/dpa)

Die Realität ist nicht fair, Reality-TV schon gar nicht. Im Finale des Dschungelcamps erhält nicht der Unterhaltsamste, sondern der Streber die Krone. Ist das fair?

Von Marlene Knobloch

Am Ende bringt nur die Psyche den Mensch noch an seine Grenze. Nachdem es Affenscheiße regnete, Maden über Waden krochen und rohe Kudu-Augen (ohne Linse) nach kurzen Turbulenzen den menschlichen Rachenraum passierten, reicht für die große Tragödie ein bisschen Wasser. Manuel (Social-Media-Liebling, Finalisten-Zuckerstück) steckt mit seinem Kopf in einem Glaskasten, der sich langsam mit Wasser füllt. Und das ist es schon. Hier entblößt sich der Katastrophen-Moment des Finales der 15. Staffel des RTL-Dschungelcamps. Denn Manuel, ein bis Showbeginn absolut unbekannter Reality-TV-Kandidat, hat eine "Aqua-Phobie". Gefundenes Fressen für die Eskalations-Heizer von RTL, denen nach 15 Folgen nicht die Kohlen ausgehen dürfen. Als ihm das Wasser bis zur Nasenspitze steht, bricht er ab ("ich glaub, das muss ich einfach noch aufarbeiten") - und sorgt damit für den größten Konflikt in diesem verdächtig friedlichen Finale.

Bevor wir zur Frage kommen, ob die Phobie Manuel die Krone kostet, die wichtigere zuerst: Wer ruft eigentlich für die Kandidaten an? Und warum? Ist es Sympathie? Oder das Gegenteil? Denn wie konnte es passieren, dass Geheimfavorit, Herzenskandidat und das einzige halbwegs akzeptable Promi-Kaliber, der Modeschöpfer Harald Glööckler, im Halbfinale ausscheiden musste? Dass ein Kandidat, dessen Stoizismus und Würde sich Folge für Folge zur Melancholie wandelten, dessen kraftlose Verzweiflung am Lagerfeuer einer Tschechow-Figur gleichkam, der sich mit letztem Idealismus weigerte, sich in ein Becken mit Eingeweiden zu legen, kurz, dass die ideale Showfigur ausscheidet, legt den Verdacht nahe, dass die Unterhaltung allein ein wenig relevantes Anrufmotiv ist. Worum also geht es hier wirklich?

Warum, Deutschland, hast du Pointen, Opern-Überhöhung und die höflich angewiderte Botox-Schnute eingetauscht für die (von den Moderatoren) zu verwechselnden Buchstaben-Promis Eric und Filip, die außer "Oh mein Gott" und "Ich küss deine Augen" kaum einen Satz ohne Grammatik-Experiment hinbekommen? Wo dem einen keine Nachspeise einfällt, wünscht sich der andere "Teramisu".

Follower gegen Würgereiz, Likes gegen Tränen, Liebe gegen Würde

Dass die Kandidaten selbst nicht an die Inszenierung glauben, muss man in der 15. Staffel IBES (Ich bin ein Star - Holt mich hier raus) nicht mehr verstecken. Ja, es geht um Geld, den zweifelhaft schmeichelnden Titel "Dschungelkönig" und das erniedrigende Schlussbild auf einem Holzthron mit Blumenkranz. Der wahre Grund für die Teilnahme liegt woanders. "Gut, die 100 Riesen, die kommen woanders, des juckt mich net", sagt Harald Glööckler zu Peter Althoff, als die beiden im Halbfinale ausscheiden. Der freundliche Franke denkt kurz an das Leben draußen, die Rezeption seines Auftritts und "die Kriddigen", aber Glööckler beruhigt ihn: "Wir leben in einer Zeit, in der wir stattfinden. Du musst stattfinden." Das Camp sei eine super PR-Strategie für ihn gewesen. Womit er wahrscheinlich richtig liegt. Der wahre Deal der Show lautet Follower gegen Würgereiz, Likes gegen Tränen, Liebe gegen Würde.

Wie sagte Glööckler zu Beginn des Dschungelcamps? "Wenn eine schlechte Oper gespielt wird, kann man ja auch nicht sagen, dass das Opernhaus nichts taugt." Aber die Starbesetzung - die immer schrecklich gelaunte Anuschka Renzi, den liebenswürdig witzelnden Camp-Papa Peter Althoff und die reine Diva-Seele Glööckler - büßte die Vorstellung nach und nach ein. Übrig bleiben also an diesem Abend Eric Stehfest (Gute Zeiten, schlechte Zeiten) und die beiden Reality-Kandidaten Filip Pavlovic (Bachelorette) und Manuel Flickinger (Prince Charming).

"Bist du noch da?" - "Deswegen ist man ja hier im Dschungelcamp!"

Den drei Kandidaten geht es glaubhaft um die Krone, sie wollen damit wahlweise die Eltern stolz machen, ein Zeichen setzen oder sich ein neues Leben aufbauen. Das Erfolgskonzept Ehrgeiz behalten sie im Finale. Und so holen die Prüfungen der Finalfolge weder Tränen noch Mageninhalt aus den Kandidaten.

Bei der ersten Dschungelprüfung kriechen Maden, Mehlwürmer, Ameisen, Riesenkakerlaken, Krokodile und 24 Schlangen über Filips Körper, was er mit der richtigen Portion Leiden erträgt (nicht langweilen, aber tapfer wirken). Moderator Daniel Hartwich fragt in einem stillen Moment: "Filip, bist du noch da?" Am Ende reißt der beide tätowierte Arme nach oben und ruft, ganz der Streber: "Deswegen ist man ja hier im Dschungelcamp!"

Die unterhaltsamste Prüfung muss Eric bestehen, der mit präzisen Kiefer-Fertigkeiten baumelnde Maikäfer-Larven aus einem Käfig fischt und Kuh-Urin auf Ex trinkt. Nur einen Stern verliert er beim Straußen-Herz: "Das ist einfach zu trocken, ey, das geht nicht."

Sie werfen sich Floskeln zu wie "ganzer Körper Gänsehaut" und "oh mein Gott" - bis nur noch die Grillen zirpen

Nur der letzte Prüfling Manuel kommt ohne einen Stern zurück ins Camp, nachdem er seinen Kopf zu früh aus dem Wasserbecken befreit hat. "Ich könnt im Grunde heulen", sagt er, aber Filip prollt jeden Selbstvorwurf weg, es geht darum, "die Eier zu haben, seine Angst zu überwinden." Manuel muss trotzdem als Erster das Camp verlassen. Zurück bleiben Eric und Filip, die nervös auf- und abgehen, nach angemessenen Worten für die Situation suchen, keine finden und sich Floskeln zuwerfen, die Stimmen kippen gegen Satzende pubertär nach oben: "Ganzer Körper Gänsehaut", "Oh mein Gott", "Ich kann's nicht glauben", "Diggi". Bis ihnen nichts mehr einfällt, und nur die Grillen zirpen.

Am Ende rollen doch noch Männertränen. Filip Pavlovic, einst Teilnehmer bei der Bachelorette, ist der neue Dschungelkönig, heult, und haut mit der Faust auf einen Baumstamm, während er "danke, danke, danke" stammelt. Vielleicht, ja vielleicht ist es beruhigend, dass bei allem Voyeurismus, Missgunst, bei der Liebe zum Gift in der Oper am Schluss derjenige gewinnt, der am ehrgeizigsten alle Prüfungen meistert, der brav der Storyline der Show folgte. Und der verrückt vor Glück seine eigene Show-Pointe in den nächtlichen Dschungelhimmel schreit: "Wo sind die Affen? Jetzt könnt ihr mich anscheißen. Ist mir scheißegal!"

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