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Heinrich Breloer zum 70.:"Ich werde plötzlich ein gläserner Mensch"

Intendanten bekennen sich gerne zur Qualität - solange sie nicht viel kostet. Für einen wie Heinrich Breloer, Erfinder des Doku-Dramas und Produzent von Filmen wie "Die Manns", würden sich die Sender heute kaum mehr interessieren. Sein Lebenswerk zeigt eindrücklich, was einst im Fernsehen möglich war. Und was heute nicht mehr geht.

Wenn man ermessen möchte, welche Bedeutung Heinrich Breloer fürs deutsche Fernsehen hat, dann stelle man sich nur mal einen mittelalten Journalisten vor, der schon ein paar durchaus anerkannte Filme gemacht hat. Der marschiert nun zu einem öffentlich-rechtlichen Sender und sagt: "Ich möchte einen großen Dreiteiler über einen bedeutenden deutschen Schriftsteller drehen, möchte dafür ein paar Jahre recherchieren und das Ganze dann mit großen Stars als Mix aus gespielten Szenen, aus Interviews und Dokumentation präsentieren. Können Sie mir das bitte finanzieren?" Wahrscheinlich käme der Journalist im Sender nicht einmal an den Pförtnern vorbei.

Heinrich Breloer zum 70.

Immer wieder deutsche Geschichte

So ein Gedankenspiel verrät etwas über die aktuellen Zustände im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo die Intendanten und Fernsehdirektoren sich gerne vollmundig zur Qualität bekennen, solange es wenig kostet - wo in unteren Abteilungen aber oft nur die Quoten die Entscheidungen lenken.

Es sagt aber vor allem viel über Heinrich Breloer und seine einzigartige Arbeit. Niemals mehr wird jemand ein Werk stemmen können wie jenes, auf das Breloer an diesem Freitag verweisen kann. Da feiert er seinen 70. Geburtstag und blickt zurück auf eine große Fernsehgeschichte.

Wehner. Die unerzählte Geschichte zählt ebenso dazu wie Kollege Otto - Die co-op-Affäre und das Todesspiel über den Deutschen Herbst, die Entführungen des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine Landshut.

Mit Die Manns, dem aufwendig recherchierten, inszenierten und produzierten Dreiteiler über die Sippe des großen deutschen Schriftstellers, krönte Breloer zum Anfang des Jahrtausends sein Lebenswerk. In diesem Dokufiktionsdrama vereinte sich die ganze Kunst des in der Grimme-Stadt Marl aufgewachsenen und heute in Köln lebenden Filmers. Seinen 2008 nachgeschobenen Kinofilm Die Buddenbrooks darf man da getrost als Anhängsel einstufen.

130 Kisten Archivmaterial

Zum Siebzigsten ist Breloer aktiv wie gewohnt. Gerade recherchiert er das Leben des Bertolt Brecht, und auch wenn ihm sein langjähriger Arbeitspartner Horst Königstein, mit dem er seine "offene Form", also die Mischung aus Spiel und Dokumentation entwickelte, nicht mehr wie gewohnt zur Seite stehen kann, ist sicherlich Großes zu erwarten.

Fragt man Breloer, wie es sich angefühlt habe, als er von Dominik Graf als Inhaber der meisten Grimmepreise entthront wurde, ehrt er natürlich den großen Regiekollegen - aber nicht ohne kess in die Zukunft zu blicken. "Es gibt noch nach siebzig erhebliche Möglichkeiten", sagt er.

Möchte man dann noch wissen, was er einem Nachwuchstalent rate, das es ihm gleichtun wolle, gibt er sich erst einmal realistisch. "Ich rate, nicht allein auf Fernsehen und Kino zu setzen", sagt er. Auf ein zweites Bein, etwa Schreiben oder Lehren, solle man sich schon stützen können. Notfalls solle man sich halt ein drittes Bein, "ein Geld-Bein", wachsen lassen. "Sonst könnte man bei der Entwicklung ins Stolpern kommen."

Bei der Themenwahl schlägt aber Breloers unbedingter Idealismus durch. "Immer von dem ausgehen, was mich selber interessiert. Sonst kann ich keinen anderen Zuschauer dafür wirklich interessieren", sagt er. Wie man das heutzutage beim Sender durchsetzen soll, verrät er nicht.

Möglicherweise kann man sich aber Tipps holen aus seinem Produktionsarchiv. Das umfasst 130 Kisten und wird von diesem Freitag an von der Deutschen Kinemathek Stück für Stück im Internet zugänglich gemacht. "Es ist ein lebendiges wachsendes Lebensbild, das von Jahr zu Jahr entsteht", sagt Breloer. "Ich überlasse immer mehr Kisten aus meinen Kölner Feuchtkellern", berichtet er und ist sich sehr wohl bewusst, dass er mehr über sich preisgibt, als er derzeit absehen kann. "Ich werde plötzlich ein gläserner Mensch", sagt er.

Das ist die Gefahr, in die sich Breloer begibt, doch auch für manche Intendanten könnte es eine Gefahr werden. Sie könnten plötzlich sehen, was einst in ihren Sendern möglich war - und was heute nicht mehr geht.