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Netflix-Serie "Halston":Durst nach Disco

Coole Crew: Halston im Lackmantel (Ewan McGregor), umrahmt von seinen Freunden Joe Eula ( David Pittu), Liza Minnelli (Krysta Rodriguez) und Elsa Peretti (Rebecca Dayan).

(Foto: Atsushi Nishijima/AP)

Genau das, was das ausgehungerte Pandemie-Publikum braucht: "Halston" erzählt aus dem Leben des Modedesigners, der den Look der Siebzigerjahre prägte.

Von Julia Werner

Kaum etwas ist schwieriger, als einen Film über Mode zu drehen. Netflix ist mit Halston, einem Fünfteiler über den wichtigsten amerikanischen Modedesigner Roy Halston Frowick, trotzdem eine großartige Modeerzählung gelungen, was einerseits am grandiosen Ewan McGregor in der Hauptrolle des exaltierten Narzissten liegt. Und andererseits an der geschickten Umschiffung gewisser Klippen, die Modefilme mit sich bringen.

Es ist ja so: Wenn das Augenmerk zu sehr auf dem Handwerk liegt, langweilt sich der nur am Rande modeinformierte Zuschauer. Wird das kreative Genie als labiles Psycho-Opfer ausgeleuchtet (so wie in "Yves Saint Laurent" aus dem Jahre 2014), bleibt der Modefan enttäuscht zurück. Und wird zu viel Fokus auf die Personen gelegt, die für den Erfolg eines Designers entscheidend sind, nämlich die Frauen, deren Leben er mit seiner Mode verändert, führt das schnell zur immer etwas peinlichen, göttlichen Überhöhung des Modeschöpfers.

Die Macher von "Halston" haben alle Klippen umschifft, an denen Filme über Mode oft zerschellen

Nichts davon ist den Machern der Verfilmung des Buchs "Simply Halston" passiert. Stattdessen liefern sie uns zunächst mal einen Ausflug ins New York der 70er-Jahre, auf den Gay-Straßenstrich, in makellos eingerichtete Townhouses und, natürlich, ins Studio 54. Hier wird Halston mit seiner Clique, der unter anderen Liza Minnelli, seine Muse und die spätere Tiffany-Designerin Elsa Peretti und sein windiger, Moustache tragender Liebhaber Victor Hugo angehören, zum Fixstern der New Yorker Nacht. Es ist ein Sog in die fabelhafte Welt des Dressing-up, in den Koste-es-was-es-wolle-Exzess, in die Freiheit. Also genau das, was das ausgehungerte Pandemie-Publikum gerade braucht.

Und es ist ein Glück, dass die psychologische Motivation Halstons - unglückliche Kindheit eines schwulen Jungen im rustikalen Indiana - zwar eine Rolle spielt, aber nicht ausgeschlachtet wird. Auch sein Erfolgsrezept ist schnell verstanden: Halston befreite die amerikanische Frau mit seinen fließenden, drapierten Silhouetten, Cape-Designs und Ultrasuede-Outfits aus der Steifheit der amerikanischen Couture der 60er-Jahre und erfand nebenbei den Disco-Look. So wehen seine fließenden Entwürfe an seinen Musen vor den einbetonierten Haaren des Socialites Babe Paley, vor den Uptown-Gattinnen in steifen Leopardenmänteln. Diese Frauen sind nur der perfekt inszenierte, steife Backdrop für die kreative Kommune, in der der unermüdliche, ehrgeizige Künstler Halston wirkt. Spielerische Aufbruchstimmung - wann haben wir die eigentlich das letzte Mal so gespürt wie in dieser Serie? Fast verliebt man sich dabei wieder in die Mode. Aber eben nur fast.

Die Zeit der Visionäre ist vorüber, heute wird die Modeindustrie von einer Marketingmaschine angetrieben

Denn die Serie zelebriert einerseits das Freak-Auffangbecken, das Mode heißt. Und liefert andererseits die Zusammenfassung dafür, warum es das kreative Genie, das allein auf seine Vision vertraut, nicht mehr geben kann. Halston verkauft seinen Namen an einen Verpackungskonzern. Irgendwann steht sein Name auf Teppichen, Gepäck, einer Kaufhauslinie. Seine Vorstellungen von einem Parfum kann er noch durchsetzen. Aber dann werden die Forderungen der Zahlenmenschen immer stärker. Und die kreative Vision des Künstlers immer schwächer. Irgendwann konsumiert er an einem Tag den Kokainvorrat von zwei Wochen (aufbewahrt in einer von Elsa Peretti entworfenen Porzellandose, der Chic liegt im Detail). Am Ende ist er steinreich, aber schwer abhängig und allein. Modernen Designern würde so ein Wahnsinn nicht mehr passieren. Sie sind, mehr als Visionäre, datengetriebene Marketingmaschinen.

Und so hasst man nach fünf Folgen die Modeindustrie auch wieder ein bisschen, weil die Geschichte des Modehauses Halston nichts anderes ist als das Vorbild für die heutigen Luxuskonglomerate, die sich selbst Marken wie Birkenstock einverleiben. Weswegen sich die Macher wohl das Hollywoodfinale nicht verkneifen konnten, in dem der Künstler durch eine Kollaboration mit der Choreografin Martha Graham seinen Frieden findet (in Wahrheit hat Halston über viele Jahre mehrfach Kostüme für ihr Ballett-Ensemble entworfen). Halston-Entwürfe aus der Serie gibt es übrigens bald auf dem Luxusportal netaporter.com zu kaufen, es ist die erste Modekooperation für Netflix, und das sieht stark nach Testballon aus: Nicht mehr lange, dann kann man wahrscheinlich gleichzeitig netflixen und den virtuellen Warenkorb befüllen. Es ist, wie es ist: Mode ist Kunst und Konsumprodukt. Und steckt so in einem unlösbaren Dilemma.

Halston, auf Netflix.

© SZ/sus
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