Griechen versus "Focus" Mittelfinger für die Pressefreiheit

Griechenland vor der Pleite - das war auch schon im Februar 2010 so. Damals berichtet der "Focus" über die finanziellen Kalamitäten des Balkanlandes und zeigte auf dem Titelbild die Aphrodite von Milos mit ausgestrecktem Mittelfinger. Sieben Griechen zerrten das Blatt vor Gericht. Dessen Verfahrensführung erlaubt inzwischen Fragen nach der Pressefreiheit.

Von Katharina Riehl

Acht Monate ist es inzwischen her, dass der freie Reisejournalist Klaus Bötig Post vom Leitenden Oberstaatsanwalt in Bremen bekam. Das Schreiben informierte ihn im Zuge eines Rechtshilfeersuchens über eine Strafanzeige, die sieben Griechen gegen ihn und einige andere Mitarbeiter des Münchner Nachrichtenmagazins Focus und dessen damaligen Chefredakteur Helmut Markwort gestellt hatten. Ihnen werde vorgeworfen, "im Rahmen der Veröffentlichungen der Zeitschrift Focus vom 22.2.2010 beleidigende, diffamierende und unrichtige Behauptungen aufgestellt zu haben". Sie sollten, so hieß es weiter, in Athen "abgeurteilt" werden.

Der Focus-Titel mit der Stinkefinger-Aphrodite. In der Montage sehen die Kläger eine Verunglimpfung des griechischen Volkes.

(Foto: dpa)

Zwei Gerichtstermine sind seitdem ergebnislos vergangen, da nicht alle Angeklagten eine Vorladung erhalten hatten. Die griechische Zeitung Vradyni (Abendzeitung) schrieb im Sommer, mit jenen Terminen hätte man den deutschen Journalisten vor allem einen Anlass für ein weiteres kritisches Titelblatt gegeben.

Am Dienstag wurde die Verhandlung nun aufgenommen - und obwohl es auch an diesem ersten Verhandlungstag kein Ergebnis gab, ist schon jetzt Skepsis angebracht: Wie auch immer der Fall ausgeht, lässt er jetzt schon Fragen zu über das Verständnis von Pressefreiheit, mit dem das griechische Gericht an diese Klage herangeht.

Zum Hintergrund: Der Focus hatte im Februar 2010 über die drohende Pleite Griechenlands berichtet, das Titelbild zeigte die Aphrodite von Milos mit ausgestrecktem Mittelfinger, ihren Intimbereich bedeckte eine griechische Flagge.

Die Titelzeile lautete: "Betrüger in der Euro-Familie". In der Montage sehen die Kläger eine Verunglimpfung der griechischen Flagge, der Artikel zum Thema im Heft verletze die "Anzeigeerstatter als Teil des griechischen Volks in ihren Rechten". Klaus Bötig ist wegen einer Reisereportage mitangeklagt, die im selben Zeitraum bei Focus Online erschienen war. Die Klagepunkte sind Beleidigung, Verunglimpfung eines Staatssymbols und Verleumdung.

"Wir wundern uns über eine solche Rechtsauffassung mitten in Europa"

Wie Bötigs Anwältin Monika Freude berichtete, stellte die Staatsanwaltschaft selbst am Dienstag den Antrag, das Verfahren wegen Beleidigung und Verleumdung einzustellen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft gebe es keine kollektive Beleidigung oder Verleumdung - ein Artikel könne kein ganzes Volk beleidigen. Das Gericht aber lehnte den Antrag nach eineinhalbstündiger Beratung ab. Monika Freude sieht damit die "Büchse der Pandora" geöffnet - Klagen wegen kollektiver Beleidigung durch Medienberichterstattung könnten so häufiger vorkommen.

So oder so, das Verfahren soll im Dezember fortgesetzt werden. Helmut Markwort, heute Focus-Herausgeber, sagte: "Wir wundern uns über eine solche Rechtsauffassung mitten in Europa - und sehen der Klage weiterhin gelassen entgegen." Der Deutsche Journalistenverband erklärte, Presse- und Satirefreiheit seien europäische Grundwerte. Die Focus-Berichterstattung sei kein Thema, das vor Gericht verhandelt werden sollte.

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