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Gottschalks letzte Mallorca-Show:Wetten, dass... das sonst keiner kann?

Was für eine Nacht: Thomas Gottschalk zeigt der Fernsehnation mit einer grandiosen Mallorca-Ausgabe, dass vermutlich nur er Wetten, dass..? zu einer solchen Megashow machen kann - sogar seinen Erzrivalen Dieter Bohlen lässt er wieder auf die Couch. Das ZDF bietet ihm jetzt eine wöchentliche Late-Night-Show an, um ihn zu halten.

Mirjam Hauck

Um halb zehn hat gerade Heidi Klum ihr neuestes Werk promotet, ein Pixi-Buch über ausfallende Milchzähne, da geht endlich die Welle durch die Stierkampfarena von Palma. La Ola. Die Zuschauer feiern sich, ihren Gastgeber Thomas Gottschalk, die ganze Show. Die Sommerparty des Jahres. Die La Ola dauert Minuten.

Als Thomas Gottschalk im Februar, drei Monate nach dem schweren Unfall von Samuel Koch, seinen Ausstieg bei Wetten, dass..? verkündet hatte, lobten Kritiker diese Entscheidung. Die Show habe ihre Unschuld verloren, es liege ein Schatten über ihr. Davon ist in dieser Sommernacht auf Mallorca nichts zu spüren.

Im Gegenteil - es steht sozusagen die Frage in der Arena, wer bitte dieses Publikum so mitreißen könnte, wenn nicht Gottschalk selbst.

Auf Wetten, dass..? will nach 30 Jahren eigentlich keiner verzichten. Die Sendung macht Spaß, immer noch. Vor allem Thomas Gottschalk selbst, und damit allen anderen.

Status Quo animieren die Arena zum Mitgrölen, bei "Time Warp" aus der Rocky Horror Picture Show hupfen alle auf und ab, beim neuen Song von Jennifer Lopez - die sich großzügig bei Kaomas Lambada bedient hat - bewegen sich in der lauen Sommernacht einige Hüften. Zwischen der Musik schäkert Gottschalk (im beigefarbenen Sackleinen mit Holzperkenkette und Silberarmreifen, die blonden Locken etwas gekürzt) dann mit J.Lo (im großzügig ausgeschnittenen Wickelkleid), Cameron Diaz (im Mini-Jumpsuit) und Heid Klum (im Catsuit), plaudert mit Sebastian Vettel (in Shirt und Freizeithose) übers Autofahren und lästert mit Dieter Bohlen (im weißen Anzug) über Castingshows.

Bohlen! Dabei hatte sich Gottschalk mit dem RTL-Zampano einen kleinen Fernsehkrieg um den Samstagabend geliefert, in dessen Verlauf mancher Kritiker monierte, der Wettbewerb werde zu extrem - bis zu Samuel Kochs Wette, mit Federschuhen über fahrende Autos springen zu können.

Jetzt dagegen wieder: Spaß am Samstagabend.

Die Stars plaudern, und klar, sie dürfen nebenher ihre neuen Produkte vorstellen. Was gesagt wird, ist nicht wichtig. Geschenkt. Nach einer guten Party kann man sich eh nicht mehr an die Gespräche erinnern.

Und die Wetten? Fast Nebensache. Die Kandidaten sind für die Getränke zuständig; es gibt Cocktails und Bier. Einer ballert Fünf-Liter-Fässchen Gerstensaft durch einen Basketballkorb, einzweiter schält für die Pina Colada Kokosnüsse mit den Zähnen, und ein anderer wirft die richtige Menge an Eiswürfeln nach allerlei Verrenkungen mit den Füßen in das Cocktailglas.

Im Publikum erspäht man Kegelklubs in gleichfarbigen T-Shirts und allerlei Prominenz auf den Rängen der Stierkampfarena - Formel-1-Boss Bernie Ecclestone, den scheidenden ZDF-Intendanten Markus Schächter, Heidi Klums Laufstegtrainer "Horchje". Im Gegensatz zu den Kegelklubs haben sie sicher Karten für die After-Show-Party, auf die Gottschalk zwischen den Wetten öfters kokett hinweist.

Und dieser Mann, dieser König des Mallorca-Samstags, 12,4 Millionen Zuschauer, 43 Prozent Marktanteil, dieser Mann soll künftig womöglich den ARD-Vorabend machen? Mit einer Show jeden Werktag vor der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau, wie das Angebot an ihn lautet? Man kann es sich nicht vorstellen.

Der designierte ZDF-Intendant Thomas Bellut will darum kämpfen, dass Thomas Gottschalk seinem Sender erhalten bleibt. "Ich würde mir wünschen, dass er bei uns eine wöchentliche Late-Night-Show moderiert", sagte er dem Spiegel in einem Interview, das pünktlich am Morgen nach der letzten Mallorca-Show veröffentlicht wurde. "Ich hoffe, dass Gottschalk sich für uns entscheidet." Der Moderator wolle sich wohl erst nach seinem Urlaub festlegen, bis Anfang August müsse man aber Gewissheit haben. Anfang August also. Irgendwann dann bräuchte das ZDF eigentlich auch Gewissheit über die Nachfolge bei Wetten, dass..?, spätestens aber nach der letzten der nun noch folgenden drei Herbst-Shows mit Gottschalk.

Über das Anforderungsprofil für diesen Job ist in den vergangenen Monaten schon viel geschrieben worden, wobei man man das Wesentliche spätestens nach der Sommernacht auf Mallorca in einem schlichten Satz zusammenzufassen kann: Wer immer es macht, muss sich sehr, sehr anstrengen.

Und angestrengte Gastgeber sind leider selten gute Gastgeber.

© sueddeutsche.de

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