bedeckt München 22°

"Focus Online" und "WDR":"Deutlich irritiert"

"Focus Online" wirft WDR-Reportern in mehreren Beiträgen "Verschwörungs­theorien" im Fall des unschuldig in Haft gestorbenen Amad A. vor. Der WDR weist das zurück: Die eigenen Recherchen hätten zu neuen Ermittlungen geführt.

Von Jana Stegemann

Die Meldung, die sich am 1. Oktober 2018 landesweit verbreitete, klang unfassbar: Ein unschuldig inhaftierter Syrer stirbt nach einem Brand in seiner Gefängniszelle in der JVA Kleve. Der 26-Jährige war an einem nordrhein-westfälischen Badesee wegen Belästigungsvorwürfen festgenommen und dann mit einem per Haftbefehl gesuchten Mann verwechselt worden.

Die nächsten Tage, Wochen und Monate kommen immer mehr Details an die Öffentlichkeit. Zweimal muss sich NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) in seiner Darstellung des Falls im Rechtsausschuss des Landtags korrigieren - mittlerweile werden die Umstände von Verhaftung und Feuertod sogar in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufgearbeitet. Und immer noch gibt es offene Fragen. Nur für Focus Online offenbar nicht; ein Redakteur ist an den Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft Kleve gelangt - und kritisiert in zwei Beiträgen die Arbeit der ARD im Fall Amed A.

Der WDR entgegnet: Die eigenen Recherchen hätten zu neuen Ermittlungen geführt

Konkret wirft er den Redaktionen der WDR-Politmagazine Westpol und Monitor Folgendes vor: Sie hätten "Verschwörungstheorien" verbreitet, gegen die Behörden "einseitig Vorwürfe erhoben" und mit zweifelhaften Methoden gearbeitet; eine Gesprächspartnerin wurde als "ominöse Expertin" bezeichnet. Dafür gab es Retweets der AfD und von Hans-Georg Maaßen.

Auf SZ-Anfrage sagte eine WDR-Sprecherin, dass man von dem Focus-Text "deutlich irritiert" sei. Ein größeres Autoren- und Redakteursteam habe sich für verschiedene Beiträge immer wieder mit dem Fall beschäftigt. Die WDR-Recherchen hätten zu neuen Ermittlungen der Behörden geführt und auch für den Untersuchungsausschuss neue Fragen aufgeworfen, so die Sprecherin. "An keiner Stelle mussten die Redaktionen ihre bisherige Berichterstattung korrigieren." Ob Amad A. das Feuer in seiner Zelle absichtlich aus suizidalen Gründen entfachte oder die Zelle doch versehentlich in Brand steckte, kann die Staatsanwaltschaft im Abschlussbericht nicht eindeutig klären. Dass er fälschlicherweise in Haft kam, sei "eine schwerwiegende Schlamperei der Polizei gewiss, aber mit Sicherheit keine böswillige Absicht, um einen syrischen Flüchtling illegal festzusetzen oder gar in den Tod zu treiben", findet der Focus-Redakteur. Und beschreibt dann ausführlich die psychischen und persönlichen Probleme des toten Mannes - als wären die Erklärung genug.

© SZ vom 31.01.2020
Zur SZ-Startseite