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Filme und Serien in der Ukraine:"Unser eigenes Kino"

Ukrainische Comedy: Szene aus dem Film "Moi dumki tichi", auf Deutsch "Meine Gedanken sind still".

(Foto: Propeller Studios)

Das Fernsehprogramm in der Ukraine ist russisch geprägt. Nun sieht ein Gesetz vor, dass Filme neu synchronisiert werden sollen. Und eine Schauspielerin will ihre Branche umkrempeln.

Von Frank Nienhuysen

Katerina Braikovska sitzt in der Studioküche am Holztisch, die Hände gefaltet. Sie redet und erzählt entspannt, es ist leicht, ihr zuzuhören, sie hat eine angenehme Stimme. Nicht zu leise, nicht zu laut, lebhaft und doch unter voller Kontrolle. Gern wäre einem ihre Stimme vertrauter, denn Braikovska kann damit in den Köpfen von Menschen Filme laufen lassen, Bilder erzeugen, Gesichter, von Oscar-Gewinnerin Emma Stone zum Beispiel, von Margot Robbie oder Rachel McAdams. Aber dazu müsste man Ukrainerin sein. Oder Ukrainer. Sonst funktioniert es nicht.

Kiew, später Samstagnachmittag. Zwischen 25-stöckigen schlanken Wohntürmen und sperrigen Sowjetblocks sind unauffällig die Propeller-Studios untergebracht, für die Katerina Braikovska immer wieder frei arbeitet. Sie ist Schauspielerin, eine der bekanntesten und gefragtesten Synchronsprecherinnen des Landes, vor allem für Hollywood-Filme. Und sie ist Direktorin für Synchronisationen, ein boomendes Metier. "Yeah", sagt sie, "wir haben jetzt viel Arbeit."

Amerikanische Blockbuster gingen schon immer gut in der Ukraine. Was in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in die Kinos kam, in Kiew, Charkiw, Lwiw, wurde ins Ukrainische übersetzt. Jetzt geht es um sehr viel mehr. Demnächst müssen laut einem Gesetz in der Ukraine sämtliche Filme sowie alle Fernsehserien ukrainisch synchronisiert sein. Ganz gleich, ob sie auf den staatlichen Sendern gezeigt werden, auf den vielen privaten Programmen oder bei Streaminganbietern wie Netflix. Für die Ukraine ist das eine Zäsur.

"Wir haben schon im Dezember damit angefangen, alle russischen Filme und Serien ins Ukrainische zu synchronisieren."

Der ukrainische Filmmarkt ist seit sowjetischen Zeiten russisch geprägt. Die gigantischen Mosfilm-Studios in Moskau, das sowjetische Hollywood, ist die mächtige Schleuder gewesen, mit der Filmproduktionen auf den Markt geworfen wurden. Und weil Russisch die Lingua franca war, russischer Unterricht jahrzehntelang die Schulen prägte, hatte es kaum eine Rolle gespielt, ob das Filmpublikum in Belarus oder der Ukraine zuschaute, in Moldau, Armenien oder Georgien. Noch heute ist diese Tradition spürbar. In den meisten im ukrainischen Fernsehen gezeigten Filmen und Serien wird Russisch gesprochen, zu "etwa 90 Prozent", sagt Katerina Braikovska. Das Ukrainische wird bisher in den Untertiteln serviert. Das wird sich nun ändern.

Ende nächste Woche sollte das neue Gesetz in Kraft treten, wegen der Pandemie sollen die Produktionsfirmen nun aber noch etwas mehr Zeit bekommen. Die Opposition im Parlament wittert politische Gründe für den Aufschub. Wenn es um die russische und ukrainische Sprache geht, ist die Stimmung oft schnell gereizt. Kaum jemand zweifelt allerdings daran, dass das Gesetz bald in Kraft tritt. So oder so: Praktisch wird schon alles vorbereitet. Katerina Braikovska sagt: "Wir haben schon im Dezember damit angefangen, alle russischen Filme und Serien ins Ukrainische zu synchronisieren. Alle Studios arbeiten jetzt 24 Stunden pro Tag."

Wie schlecht das politische Verhältnis zwischen der Ukraine und Russland ist, lässt sich jeden Tag in den Nachrichten lesen. Es wäre aber etwas einfach, den Wechsel der Filmsprache allein politisch zu sehen. Kasachstan stellt von der kyrillischen Schriftsprache auf die lateinische um, andere ehemalige Sowjetrepubliken haben das längst getan. Schon im Jahr 2006 gab es in der Ukraine erstmals einen Kinofilm in der Landessprache. "Die 15 Jahre seitdem haben den Übergang weich gemacht", sagt Braikovska. "Die Menschen wurden darauf vorbereitet, dass eines Tages alles auf Ukrainisch sein würde." Alle Nachrichtensendungen und Shows seien es ohnehin schon.

Katerina Braykovska, (c) Frank Nienhuysen

"Wir haben jetzt die Chance, auch unser eigenes Kino zu machen", sagt Katerina Braikovska.

(Foto: Frank Nienhuysen)

Die Schauspielerin und Synchronsprecherin kommt aus Kiew, sie ist selber mit der russischen Sprache aufgewachsen, der Sprache ihres Elternhauses. Aber sie sagt auch: "Wenn du in diesem Land geboren bist, solltest du die Sprache können." Sie lernte Ukrainisch. Sehr schnell. Für sie sei der Wandel deshalb weniger eine Frage der Politik, sagt sie, "es ist eher eine kulturelle Frage".

Der Konflikt mit Russland, die Annexion der Krim, dürfte allerdings den Trend beschleunigt haben. Braikovska erzählt, dass in den vergangenen Jahren die Ukraine mehr und mehr eigene Filme produziert hat. Russland ist noch immer der dominierende Markt im postsowjetischen Raum. Von dort kommen die meisten Filme, das Land hat Tradition und viel Erfahrung darin einzuschätzen, welche Comedyserien, welche Krimistaffeln ankommen. Und sie wissen: Auch wenn die jeweiligen Nationalsprachen im Alltag massiv an Gewicht gewinnen, Russisch versteht fast jeder zwischen Kirgisistan und Litauen. "Natürlich kaufen wir auch immer noch dort Filme ein", sagt Katerina Braikovska, "sie können das ja auch gut. Aber wir haben jetzt die Chance, auch unser eigenes Kino zu machen."

Einige Serien in der Ukraine werden sogar in russischer Sprache produziert

Ukrainer produzieren nun also zunehmend eigene ukrainischsprachige Serien, und, jetzt wirkt es paradox, sogar auch einige in russischer Sprache. "Weil man sie besser ins Ausland verkaufen kann", sagt Braikovska, "nach Belarus, Kasachstan, Litauen, Lettland." Ob sie dort dann synchronisiert werden, ist natürlich nicht ihre Sache. Für sie selber bedeutet das Genre der Synchronisation jedenfalls gerade maximale Auslastung, als Sprecherin und als Direktorin, die Castings macht. "Ich gehe jetzt jeden Tag für eigene Aufnahmen in vier, fünf Studios. Nie habe ich so viel Geld verdient. Ich kann jetzt die Rollen auswählen, Premierenfilme etwa. Aber ich brauche jetzt auch neue Schauspieler, neue Stimmen."

Zwischen 200 und 300 russische Filme und Serien müssen übersetzt werden, fürs klassische Fernsehen, für Netflix. Eine herausfordernde Logistik. Bisherige Theaterschauspielerinnen und ihre Kollegen profitieren mit am Boom. Sie werden jetzt nicht nur für die Bühnen gebraucht, sondern auch in den Studios. Aber Braikovska gibt zu, dass es auch kritische Stimmen gibt. Es ist die Macht der Gewohnheit. Bei der Serie Svaty etwa, die es schon seit vielen Jahren in diversen Staffeln gibt. Russisch natürlich. Jetzt hat sie ein Sender ins Ukrainische synchronisieren lassen. Technisch ist das eine leichte Sache, Russisch und Ukrainisch unterscheiden sich, aber sie sind einander in Phonetik und Silbenzahlen natürlich doch sehr viel näher als bei Synchronisationen englischer Filme. "Fürchterlich", hätten einige Zuschauer geschrieben, sie kennen die Episoden, und die bisherigen vertrauten Stimmen.

Katerina Braikovska muss jetzt los, sie ist verabredet. Es ist kein anderes Studio, in das sie nun fährt. Sie geht in ein Konzert. Klassisch? "Nein", sagt sie, "eine Popgruppe. Eine russische."

© SZ/cag
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