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Nachruf auf Raffaella Carrà:Italiens Freiheitsikone

Raffaella Carra

Mit ihrer Toleranz gegenüber allen und ihrem Esprit war Raffaella Carrà viel mehr als ein Showstar.

(Foto: Virginia Farneti/LaPresse/AP)

Raffaella Carrà hat Bigotterien bekämpft, mit Tabubrüchen: Der Tod der italienischen Sängerin und Fernsehfrau bewegt Italiener und Spanier gleichermaßen.

Von Oliver Meiler, Rom

Wenn jemand wie Raffaella Carrà geht, dann fühlt sich das Wohnzimmer gleich etwas leerer und leiser an. So ergeht es den Italienerinnen und Italienern mehrerer Generationen und - durch einen Zufall der Historie - auch den Spaniern. Sie verlieren eine Ikone des Fernsehens, die "Königin des Samstagabends" in Pailletten und bunten Kleidern und, vor allem, eine freie Stimme gegen Tabus und Bigotterien. Der Tod von Raffaella Maria Roberta Pelloni alias Carrà aus Bologna löst so viel Beteiligung aus, dass nicht viel zur Verklärung fehlt.

Carrà war Sängerin, Tänzerin, Showgirl und Moderatorin, begonnen hatte sie aber als Schauspielerin. Mit acht Jahren spielte sie im ersten Film mit. Dann machte sie ernsthaftes Theater, große Stücke, ein Musical mit Marcello Mastroianni, als die staatliche Sendeanstalt Rai in den Sechzigern fand, sie würde ins Genre des Varieté passen. Man gab ihr die Sendung Canzonissima, eine fröhliche Musik- und Tanzshow. Sie war Gastgeberin und Protagonistin. 1971 führte sie da skandalös bauchfrei mit dem mythischen Alberto Sordi ein Lied auf, das die Sitten im Land über den Haufen werfen sollte und die katholische Kirche fast wahnsinnig machte: "Tuca Tuca" war eine kleine erotische Provokation, eine leichte Hymne aufs Leben und die Liebe, in der Retrospektive sehr harmlos. Doch der Auftritt wäre zensiert worden, hätte nicht der römische Schauspieler Sordi mitgemacht, der schon damals ein halber Heiliger war.

1976, im Jahr nach dem Tod von Francisco Franco, Spaniens Diktator, trug Carrà ihr ansteckendes Lachen und ihren ganz unideologischen Freiheitsesprit nach Madrid - samt blonder Bobfrisur. Für die Spanier war das eine Offenbarung, ein revolutionär leichter Luftzug aus dem Fernseher, der gut zum neuen Lebensgefühl passte. Spaniens Premier Pedro Sánchez schreibt in einem wehmütigen Tweet: "Ihre Musik hat unsere Herzen fröhlich gestimmt, ihr freiheitlicher Geist hat unsere Seele erfüllt."

"Pronto, Raffaella?" Sie gehörte zum Personal der Republik

Zu viel Ehre für ein Showgirl, wie die Italiener sie nennen? Es waren andere Zeiten, der Fernseher lief immer. Carrà hatte auch eine Herzschmerz- und Wiedervereinigungssendung: Carràmba! Che sorpresa war ein Straßenfeger, und sie weinte mit den Gästen. Wenn man die Echtheit der Beiträge anzweifelte, konnte sie sehr beleidigt sein. In Pronto, Raffaella?, einer Mittagsshow, konnten die Leute anrufen und schätzen, wie viele Bohnen im Glas im Studio lagen. Das war natürlich völlig unmöglich, aber lustig. "La Carrà" telefonierte auch mal mit Giulio Andreotti, dem siebenfachen Premier des Landes, sie gehörte zum Personal der Republik.

Außerdem war Carrà eine Ikone für die Welt der LGBTQ, was sie selbst nie genau verstanden hat. Vielleicht lag es daran, dass ihr Kampf gegen konservative, von der Kirche mitgeprägte gesellschaftliche Heucheleien und falsche Moralismen von vielen als Reaktion auf ihre Lebensgeschichte gesehen wurde: Raffaella wuchs mit drei Frauen auf - Mutter, Großmutter und einer englischen Gouvernante. Der Vater hatte die Familie verlassen, als sie noch keine zwei Jahre alt war. Und dann war da natürlich ihre demonstrative Toleranz gegenüber allen, ihre herrlich verrückten Kleider, der ganze Stil. Sie war jahrelang Jurorin bei The Voice, leitete auch einmal das Musikfestival von Sanremo.

Sie war eben immer da. "Mit dir", verabschiedet sich Adriano Celentano, "fliegt ein Teil unseres Lebens in den Himmel - der glücklichste." Raffaella Carrà starb mit 78 Jahren nach kurzer Krankheit in Rom.

© SZ/cag
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