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ARD-Film "Heute stirbt hier Kainer":High Noon in Oberöhde

Heute stirbt hier Kainer

Einer wie Kainer: Martin Wuttke als gefährlicher Fremder im Dorf.

(Foto: HR)

Richtig gutes Fernsehen: Martin Wuttke provoziert als Desperado einen irrwitzigen Showdown in der hessischen Provinz.

Von Stefan Fischer

Der erste Tote ist der Hahn. "Er war eh verrückt", sagt achselzuckend der Junge, der ihm auf dem Hof versehentlich den Kopf weggeschossen hat. Läuft es tatsächlich darauf hinaus in dem herrlich verschrobenen Fernsehfilm Heute stirbt hier Kainer: Wenn man nur hinreichend behämmert ist, dann blüht einem dasselbe wie dem Hahn?

Es läuft darauf hinaus. Um Missverständnissen vorzubeugen: In diesem Dorfwestern ist es keineswegs so, dass jeder, der nicht alle Latten am Zaun hat, den Tod verdient hätte. Aber verhaltensauffällige Leute provozieren hier auf einmal ihr gewaltsames Ende. Und es gibt eine Menge von ihnen.

Ist das nun die Schuld von Ulrich Kainer, dem Fremden, der in das hessische Dorf kommt und Quartier bezieht auf dem Hof mit dem irren Hahn? Dass plötzlich High-Noon-Stimmung herrscht in Oberöhde? Die meisten Bewohner sehen das so. Einige belustigt das. Andere bekommen Angst. Richtig derbe Angst.

Der italienische Wirt steckt doch sicher mit der Mafia unter einer Decke

Sie alle haben zu viele Western und Mafiafilme gesehen. Und glauben, dass der Wirt Cesare, weil er vom mächtigsten Mann im Dorf bei einem Immobiliengeschäft hereingelegt worden ist, einen Mafiakiller engagiert hat. Eben jenen Kainer.

Der hat tatsächlich eine Vergangenheit, in der nicht jeder seine Gesellschaft überlebt hat. Doch jetzt möchte Kainer Ruhe. Er zieht sich zurück in die Provinz wie ein krankes Tier, um zu sterben. Dass er in Oberöhde landet: Zufall. Martin Wuttke spielt diesen Desperado als einen Mann, der wenig Worte braucht, der klar und fokussiert ist, kein Geltungsbedürfnis hat und seine Emotionen im Griff.

Eine Rolle, wie es sie nicht so oft gibt im deutschen Fernsehen, und für die es einen wie diesen großartigen, spröden Schauspieler Wuttke braucht. Der ganze im Kern sehr ruhige Film, den Maria-Anna Westholzer inszeniert und gemeinsam mit Michael Proehl geschrieben hat, ist eine Zuspitzung, ausgelöst durch das Aufeinandertreffen absonderlicher Gestalten, denen es an Feuerwaffen nicht mangelt. Westholzers Geschick ist es, dass sich die Frage der Glaubwürdigkeit gar nicht stellt. Man folgt ihr gerne durch ihre Groteske, deren Stärke das hanebüchen Lakonische ist und die Anleihen im amerikanischen Genrekino nimmt, ohne es kopieren zu wollen. Am ehesten findet man sich womöglich in der von Britta Hammelstein gespielten Pensionswirtin Kainers wieder, in deren belustigtem Staunen über den Irrsinn um sie herum.

Endlich weiß jeder Kerl im Dorf, wozu er all seine Waffen hat

Heute stirbt hier Kainer ist randvoll mit toxischer Männlichkeit: Da ist der skrupellose Dorfpatriarch (Alexander Hörbe), da ist der aufbrausende Wirt (Michele Cuciuffo), der verzweifelte Trinker (Martin Feifel), eine Horde halbstarker Neonazis, der rassistische, sexistische und zugleich waffengeile Polizist Decker (Justus von Dohnányi), der lauernde Jäger (Christian Redl) und natürlich auch der Macho Kainer. Dieser Überdruck entlädt sich in einem bizarren Finale.

Danach senkt sich wieder die Ödnis über das Dorf. Es musste einer wie Kainer aufkreuzen, damit die Dinge ins Lot geraten.

Heute stirbt hier Kainer, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr und in der ARD-Mediathek

© SZ/tyc
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