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Fest für "Spiegel Online":Drumrumeiern statt klarer Worte

Gleichwohl ist das Unbehagen der Redaktion mit ihrem Chefredakteur keine Erfindung neurotischer Medienjournalisten, Brandbriefe an den Geschäftsführer Ove Saffe keine Kolportage, auch suchen die Gesellschafter des Spiegel längst einen Nachfolger für jenen, den sie vor etwas mehr als einem Jahr noch für den richtigen Mann hielten, für den Reformer. Der die Nachrichtenagentur dpa als Chefredakteur modernisierte, digitale Dienste etablierte und sauber durchregierte.

Durchregieren geht beim Spiegel aber nicht, was mit dem natürlichen Selbstbewusstsein der Redakteure zu tun hat - und mit den Eigentumsverhältnissen. Der Belegschaft (außer den Onlinern) gehört der Laden zu 50,5 Prozent, neben den Augstein-Erben und Gruner + Jahr. Büchner wollte im Rahmen seines Zukunftskonzepts "Spiegel 3.0" alle Ressortleiterstellen neu ausschreiben, um Print und Online zusammenzuführen. Oder auch, so verstehen es manche beim Spiegel, um sich seiner mächtigsten Kritiker zu entledigen.

Leute rauswerfen zu wollen, die einen rauswerfen können, muss böse enden.

Aber am Montag war ja Feiertag. Augsteins Wort an der Wand des Foyers, "Sagen, was ist", galt an diesem Abend nicht. Drumrumeiern schon eher. Alles bestens, wehrte der Geschäftsführer Fragen ab, der Chefredakteur wollte auf dem schönen Fest nichts kommentieren, die angeblich zum Protest bereiten Printredakteure sonnten sich im Schein der Discokugel oder verdrückten sich bei Büchners Rede in die Bar. Bloß nicht ärgern. Der schon als Nachfolger gehandelte Vize Klaus Brinkbäumer strahlte so verbindlich in die Runde wie die Vorstandschefin von Gruner + Jahr, Julia Jäkel. Katastrophentouristen bekamen kein Bild.

Alles wieder gut?

Wie ein gespielter Witz parkte derweil vor der Tür ein Einsatzlaster der Polizei mit der Aufschrift: "Entschärfung". Die Spezialkräfte standen herum, irgendwann stiegen sie ein, fuhren weg. Hier gab es heute nichts zu entschärfen. So oder so.

Also gerade noch mal davongekommen, mal ordentlich die Sau rauslassen, und alles ist wieder gut?

So einfach ist das nicht. Büchners Rede war die eines Boxers in der zwölften Runde. Er versuchte es wieder und wieder mit der gleichen Idee, die schon in den elf Runden zuvor den Sieg nicht gebracht hat. Der Spiegel, sagte er, sei ein "Appell an die Intelligenz des Publikums". Der Aggregatzustand einer Spiegel-Story sei dabei unwichtig, sie solle alle Menschen erreichen, wann und wo immer sie wollen. Drucken, senden, online stellen: alles gleich wichtig.

Blöd wäre nur, wenn der Aggregatzustand heiße Luft wäre. Das ist die Angst der Magazinleute im Haus: Jeder soll alles machen. Onliner Print, die Printredaktion online. Kann auf diese Art etwas entstehen, das in allen Belangen besser ist als das alte, oder wenigstens genauso gut?

Die Autorität der Marke Spiegel ist durch das Heft entstanden. So gesehen müssen auch die Printredakteure im Kampf gegen Büchner einstecken: Emotionen, wenigstens in Spurenelementen, offenbarte dieser in seiner Rede nur, als er von seiner Zeit am Newsdesk von Spiegel Online schwärmte: "Es gibt nichts Vergleichbares! Diese Mannschaft zeigt, dass man in der Sache hart diskutieren und doch gut zusammenarbeiten kann." Seine Mannschaft, seine Heimat im Spiegel-Haus - ist Spiegel Online. Acht Jahre hat er für das Medium einst gearbeitet.

Eine Art Liquid Spiegel

Von den Printleuten erwartet er, die "Idee Spiegel" nicht "wegzudelegieren: Der ganze Verlag muss sich als Innovationslabor begreifen." Das ist die Botschaft, die der gedruckte Spiegel hört, seitdem Büchner da ist: Du bist auf dem Holzweg, Papier! Verändere deinen Aggregatzustand!

Kann man verstehen, wenn sich eine Printredaktion, deren Auftrag es ist, möglichst in die Nähe von einer Million verkauften Heften zu kommen, deren Arbeit sich also in blätterbarem Papier materialisiert, bei Büchner in falschen Händen wähnt?

Die zwölfte Runde. Büchner kündigte an, "Spiegel 3.0" bis zum Sommer 2015 abzuschließen. Er will bis zum Schlussgong stehen. Alle sollen daran mitarbeiten, und "alle sollen davon in gleichberechtigter Weise profitieren". Er will weiter alles auf einmal, die Eingliederung der Online-Redaktion in die Mitarbeiter-KG, die inhaltliche und personelle Verschmelzung der Redaktionen, eine Art Liquid Spiegel. Angeblich denkt die Gesellschafterrunde darüber nach, ihn zwar als Chefredakteur abzusetzen, ihn aber in der Geschäftsführung unterzubringen, in der er die Digitalisierung vorantreiben soll. Man könnte dann sagen: Büchner war nicht der falsche Mann. Er war nur am falschen Ort.

Wie nach einem engen Boxkampf: Da fühlen sich auch immer beide als Sieger.

© SZ vom 05.11.2014/cag
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