bedeckt München 27°

Fernsehen:Subversive Botschaften in der Schnulzenserie "Melrose Place"

Biestiger Publikumsliebling: Amanda (Heather Locklear, rechts).

(Foto: Worldvision Enterprises Inc.)

Heikle gesellschaftspolitische Themen wurden im US-Fernsehen der Neunzigerjahre gerne ausgeblendet. Ausgerechnet ein Trash-Format schob seinen Zuschauern jahrelang geheime Botschaften unter.

Ein Pärchen liegt im Bett. Es ist früh am Morgen, der Mann hätte gerne Sex, er küsst den Nacken der Frau. Sie ist nicht in Stimmung und wimmelt ihn ab. "Ich dachte, morgens ist deine Lieblingszeit", sagt der Mann.

Die Szene ist aus Melrose Place, einer der erfolgreichsten Seifenopern der Neunzigerjahre, und wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn da nicht die Bettdecke wäre. Die Kamera nimmt sie nicht besonders in den Fokus, die Decke ist pure Requisite. Aber sie ist auch eines von 200 Kunstwerken, die in einem Zeitraum von zwei Jahren heimlich, anfangs sogar ohne Wissen des Produzenten, in die Serie geschmuggelt und zur Primetime einem ebenso unwissenden Millionenpublikum präsentiert wurde.

Zu sehen ist die Bettdecke noch bis Ende November im Rahmen der Ausstellung Total Proof in New York. Auf zwei Stockwerken zeigen die Red Bull Studios die Arbeit des Künstlerkollektivs Gala. 100 Stücke, die unter Anleitung des Konzeptkünstlers Mel Chin entstanden, sind dort zu sehen.

Heikle gesellschaftspolitische Themen wurden einfach ausgeblendet

Auf den ersten Blick sieht das Muster der Decke unverdächtig aus. Wenn man aber genau hinsieht, erkennt man Hunderte aufgerollte Kondome. Das war einerseits ein Seitenhieb auf den Mann unter der Decke, Dr. Peter Burns, gespielt von Jack Wagner, ein manipulativer Womanizer, der Kondome verwenden sollte. Andererseits war die "Sicherheitsdecke", so der Name des Kunstwerks, ein Kommentar auf die gesamte amerikanische Fernsehkultur, die heikle gesellschaftspolitische Themen häufig ausblendete.

Bei der berühmten Sitcom Friends etwa wurde lange darüber diskutiert, ob man Kondompackungen zeigen sollte - dann entschied man sich dagegen. Bei Melrose Place war es ähnlich, bis Set-Designerin Deborah Siegel einen Anruf von Mel Chin bekam.

Chin stellte Siegel seine Idee vor: Er wollte der Serie jede Woche kostenlos Kunst zur Verfügung stellen und dabei gesellschaftliche Debatten aufgreifen. Siegel sagte zu. Die Zusammenarbeit wurde gegen Ende hin sogar so intensiv, dass die Künstler sowohl vorab Drehbücher geschickt bekamen als auch, hin und wieder, die Handlung beeinflussen durften.

Exhibition TOTAL PROOF: The GALA Committee 1995-1997 /  Red Bull Studios NY

Das Muster der Bettwäsche besteht aus ausgerollten Kondomen und der Quilt, der oben drauf liegt, zeigt die molekulare Struktur einer Abtreibungspille.

(Foto: Lance Brewer/The Gala Committee)

Melrose Place war ein sogenanntes "Spin-off", ein Ableger der beliebten Teenieschmonzette Beverly Hills, 90210 für etwas erwachsenere Zuschauer. Wie die Schwesterserie wurde Melrose Place von "Mr. Television" Aaron Spelling produziert, der auch für Starsky & Hutch und Hart aber herzlich verantwortlich war. Aber Melrose Place war wohl die schnulzigste seiner Serien: Ein Drama rund um acht Twentysomethings in Los Angeles, die allwöchentlich neue Liebesaffären, Intrigen und gemeine Racheaktionen erlebten.

Die Serie mit den subversiven Botschaften lief ausgerechnet beim konservativen Sender Fox

Das sensationslüsterne Publikum liebte die Sendung, sieben Staffeln lang lief sie zur besten Sendezeit auf dem konservativen Sender Fox. Und ausgerechnet diese Serie verschickte nun also subversive Botschaften.

Außer der Bettdecke ist in der Ausstellung zum Beispiel auch ein Seesack zu sehen, darauf zu lesen: "Non quaere, non dicere." Das ist die lateinische Variante von "Don't ask, don't tell", also jener Losung innerhalb des US-Militärs, mit der Soldaten bis 2010 daran gehindert wurden, ihre Homosexualität offen auszuleben - in der Serie war Matt, eine der Hauptfiguren, heimlich mit einem Marineoffizier liiert.