Journalismus Würde Facebook missliebigen Medien den Hahn zudrehen?

Keiner weiß, welches Medium als nächstes den algorithmischen Änderungen zum Opfer fallen wird. Brasiliens größte Tageszeitung Folha de São Paulo stellte im Februar präventiv die Publikation von Artikeln auf Facebook ein, weil die Redaktion durch die Änderung des Newsfeed-Algorithmus ein Anschwellen von Fake News und einen Rückgang des Traffics befürchtete. Es ist ein Dilemma: Einerseits brauchen Medienhäuser Facebook als Verbreitungskanal; andererseits dürfen sie sich nicht in allzu große Abhängigkeit begeben.

Was bedeutet das für die freie Presse? Wie viele kritische Berichte über Facebook landen im Newsfeed? Würde Facebook missliebigen Medien den Hahn zudrehen? Technisch wäre das kein Problem. Bedenkt man, dass der Facebook-Investor Peter Thiel mit seiner klandestinen Prozessfinanzierung das Online-Magazin Gawker in die Insolvenz trieb, kann man erahnen, welches Verhältnis einige Strippenzieher zur Pressefreiheit haben: gar keines.

In Großbritannien wird gerade ein Vorstoß der News Media Association, einem Dachverband der Zeitungsverlage, diskutiert, der eine Abgabe von Netzwerkkonzernen fordert. Dafür, dass Facebook und Google den Anzeigenmarkt disruptiert haben, sollen die Konzerne eine jährliche Ausgleichszahlung an einen Journalismusfonds leisten.

Mehr als drei Milliarden Dollar haben Google und Facebook in journalistische Projekte investiert

Facebook hat, ähnlich wie Google mit seiner "News Initiative", ein eigenes Journalismus-Projekt, "Facebook Journalism Project", aus der Taufe gehoben, bei dem neben der gemeinsamen Entwicklung von Nachrichtenprodukten auch Schulungen und Tools für Redaktionen angeboten werden. Facebook und Google gehören mittlerweile zu den größten Sponsoren des Journalismus, nach einem Bericht der Columbia Journalism Review haben die beiden Konzerne in den vergangenen drei Jahren mehr als drei Milliarden US-Dollar in verschiedene journalistische Projekte und Medienpartnerschaften investiert. Der Datenjournalist Nicolas Kayser-Bril argumentiert trotzdem, dass es Google nicht um Journalismus gehe, sondern bloß um Content. Google könne neben Fakes genauso gut Anzeigenplätze verkaufen wie neben Fakten. Das gleiche ließe sich auch für Facebook behaupten. Dem Konzern geht es darum, klickfähigen Content in sein Netzwerk einzuspeisen.

Die "personalisierte Zeitung" ist eine blitzscharfe Zeitdiagnose, weil die Facebook-Chronisten jedes Lebensereignis für eine Nachricht halten. Hier muss man Zuckerberg hermeneutisch verstehen: Das Ziel, die "perfekte personalisierte Zeitung" zu kreieren, bedeutet nicht nur, das Geschäftsmodell Zeitung zu attackieren, sondern auch, die Kriterien für Relevanz umzucodieren. Der "News"feed bei Facebook suggeriert zwar Nachrichtliches, liefert aber bloß Neuigkeiten aus der eigenen Umgebung. Die "Meldung" von der Hochzeit des Freundes ist genauso "News" wie ein Hurrikan in den USA. Hyperpersonalisierung entwertet alles, was für eine kritische Öffentlichkeit konstitutiv ist.

Man muss Mark Zuckerbergs Sentenz in ihrer ganzen Doppelbödigkeit ausdeuten: Wenn die Menschen die "perfekte personalisierte Zeitung" lesen, lesen sie eben keine Zeitung, sondern ein Anzeigenblatt.

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