Dokuserie "Frau Bundeskanzlerin":"Angela konnte sich schlecht wehren"

Angela Merkel Doku TV Now

Bundeskanzlerin Merkel in ihrem Arbeitszimmer im Kanzleramt.

(Foto: TVNOW / Andreas Friese)

Eine neue Doku-Serie über Angela Merkel sticht aus der Masse der Produktionen über die Kanzlerin heraus.

Von Stefan Braun

Schärfer könnte der Unterschied kaum sein. Erst Bilder, die von großer Macht und noch mehr Einfluss berichten, dann die Fotografien, die vom fernen Anfang erzählen - in der TV-Dokumentation von Katrin Klocke und Stefan Aust dauert es gerade mal zwei, drei Minuten und schon wird klar, wo diese große Reise angefangen hat und wo sie endet. Die Reise einer Kanzlerin, wie es sie noch nie gab; die Reise einer Politikerin, deren Karriere bis heute eigentlich kaum zu glauben ist. Angela Merkel, die älteste Tochter eines evangelischen Pfarrers, regiert schon fast 16 Jahre Deutschland. Wenn sie im Herbst Abschied nimmt, dann ist das nichts anderes als das Ende einer spektakulären Geschichte.

Natürlich gibt es zum Leben dieser Bundeskanzlerin viele Biografien und Dokumentationen, dazu Interviews früherer Weggefährten und Analysen von Historikerinnen - in einem Abschiedsjahr wie diesem ist das selbstverständlich. Zu ungewöhnlich ist die Karriere; zu einflussreich war die Kanzlerin in den vielen Krisen; zu viele Fragen bleiben unbeantwortet, auch nach mittlerweile dreißig Jahren, in denen die heute 66-Jährige als Ministerin, Parteichefin und Kanzlerin Deutschlands Politik mitgeprägt hat.

Doch obwohl das Angebot gewaltig ist, ragt die TV-Dokumentation von Katrin Klocke und Stefan Aust heraus. Das liegt zum einen an ihrer Länge, immerhin sind es fünf Folgen mit jeweils 50 Minuten. Viel wichtiger aber ist der akribische Aufwand, den die beiden betrieben haben. So viele Minuten, das hätte schnell langweilig werden können. Zumal vieles natürlich bekannt ist. Aber Klocke und Aust haben fakten- und bilderreich nicht nur Merkels Leben nachgezeichnet - sie haben jede einzelne Etappe in einen historischen Zusammenhang gestellt, mit Dokumenten und Filmsequenzen, die einen großen Gewinn bieten, weil sich vieles eben doch besser aus dem jeweiligen Moment erklärt als in einem nicht selten besserwisserischen Rückblick.

Am Tag des Mauerbaus weinten alle im Gottesdienst des eigenen Vaters

Die Geschichte fängt schon kurz nach der Geburt von Merkel an, als ihr Vater, ein evangelischer Pastor aus Hamburg, in den Fünfzigerjahren in die DDR geht. Was das heißt, ahnte man schon lange; bei Klocke und Aust aber wird noch einmal sichtbar, was für ein Bruch zum damals üblichen Trend das war. Und wie das der Familie spätestens beim Bau der Mauer 1961 bewusst wurde. Merkel selbst ist es, die vom Tag des Mauerbaus berichtet - und wie alle an diesem Sonntag im Gottesdienst des eigenen Vaters weinten.

Die erste Folge begleitet Merkel durch Schule und Abitur, Studium und Wissenschaftskarriere mit einer cleveren Schilderung besonderer Ereignisse, die den Druck des Überwachungsstaats DDR und das Bemühen um ein trotzdem einigermaßen glückliches Leben in der ganzen Ambivalenz aufzeigen - um so auch der durchaus ambivalenten Geschichte der späteren Kanzlerin gerecht zu werden. Einer Schülerin, die bei den Pionieren war, weil sie gerne in Gemeinschaft sein wollte; einer Studentin, die (auch als FDJlerin) manche Privilegien genoss, ohne sich vollkommen gemeinzumachen mit den Mächtigen.

Vieles ist dabei ein Balance-Akt. Klocke und Aust benennen ungeschminkt die Vorteile, die Merkel als Mathe- und Russisch-Schülerin genoss und als Wissenschaftlerin noch viel mehr nutzte. Westreisen inklusive. Aber die beiden machen daraus (anders als manch anderer) nicht die Geschichte einer heimlichen Genossin. Sie schlagen zwar den Aust-typischen Ton des Aufdeckers an, aber vermeiden ein finales Urteil - und balancieren auf eine Weise durch die eigene Erzählung, wie Merkel wohl auch durch ihr Leben in der DDR balanciert ist.

Mit der Abi-Klasse bei Wim Thoelke im ZDF zu Gast

Dazu zeigen Klocke und Aust kleine Juwelen, die für viele noch neu sein dürften. Zum Beispiel, wie Merkels Mutter erzählt, dass sich ihre Tochter in der Schule nicht gegen Giftigkeiten wehren konnte. Wie Wim Thoelke Anfang der Neunzigerjahre die damals junge Ministerin mit ihrer Abi-Klasse ins ZDF-Klassenzimmer einlud. Oder wie die stellvertretende Regierungssprecherin Merkel des Kurzzeit-Ministerpräsidenten Lothar de Mazière selbstbewusst aufdringliche Journalisten abwehrte. Nichts Spektakuläres. Aber vieles, das sich lohnt.

Auch die Geschichte ihres finalen Aufstiegs. In einer CDU, die nach dem Spendenskandal brachlag; und in einer Zeit, in der eine große Krise die nächste jagte. Finanzkrise, Fukushima, Flüchtlinge, Corona - Klocke und Aust zeichnen minutiös das Handeln einer Kanzlerin nach, deren größtes Markenzeichen das nervenstarke Reagieren wurde. All das zeigt diese ausgezeichnete Dokuserie.

Angela Merkel - Frau Bundeskanzlerin, ab 29.6., auf TV Now

© SZ/cag
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