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Dokumentation:Auf ein Schnäpselchen mit dem politischen Gegner

Volksvertreter

Wie gelingt Kommunikation zwischen Andersdenkenden? In der ersten Folge von "Volksverterter" diskutiert der Junge-Union-Vorsitzende Paul Ziemiak mit drei politischen Gegnern.

(Foto: ZDF und ZDF)

In "Volksvertreter" treffen bei ZDF-Neo Politiker auf Andersdenkende. Ein Experiment, das einiges über Deutschland im Jahr 2017 erzählt.

Von Luise Checchin

Für einen Vorsitzenden der Jungen Union ist Berlin-Neukölln kein natürlicher Lebensraum. In der ersten Folge der neuen ZDF-Neo-Reihe Volksvertreter muss Paul Ziemiak nur kurz durch den Kiez spazieren, da wird er schon beschimpft. "Er lügt", ruft ihm ein Passant hinterher, und Ziemiak kontert recht lustlos, das sei ja ein starkes Argument. Geglückte Kommunikation zwischen Politikern und Bürgern sieht anders aus, aber genau deshalb gibt es die Sendung Volksvertreter ja auch. "Wie", fragt der Moderator Jo Schück zu Beginn, "verändert sich der politische Schlagabtausch, wenn Menschen sich vorher persönlich begegnen?"

Um das zu beantworten, lässt ZDF Neo in sieben Folgen je einen Politiker mit drei Wählern zusammentreffen, die dessen Positionen ablehnen. Im Fall Ziemiaks sind die Gesprächspartner ein Student mit zwei Müttern, eine alleinerziehende Kulturmanagerin und ein Malermeister, dem die CDU zu sehr nach links gerückt ist.

Eine Mischung aus Reality-TV- und Talk-Show

Die Idee, in aufgeheizten Zeiten politische Gegner miteinander zu konfrontieren, ist derzeit äußerst beliebt. Der öffentlich-rechtliche Annäherungsversuch zwischen dem Volk und seinen Vertretern vermischt nun zu etwa gleichen Teilen Reality-TV- und Talk-Show-Elemente. Mit jedem Wähler unternimmt Ziemiak in der ersten Folge einen Ausflug (mal werden Blumen gekauft, mal wird Darts in der Eckkneipe gespielt). Anschließend diskutiert man in einem gut ausgeleuchteten Loft bei Pizza und Wein. Am Ende stimmen die Wähler über den Politiker ab.

Die Frage, wie sich die politische Debatte verändert, wenn Menschen sich persönlich begegnen, ist dabei schnell beantwortet: Natürlich fällt es schwerer, den politischen Gegner zu verteufeln, wenn der einem gerade noch von seiner Familienplanung erzählt hat. Die Tatsache, wer am Ende wen wählen würde, ist bei Volksvertreter also zu vernachlässigen. Wie die Gesprächspartner allerdings miteinander reden, erzählt einiges über die Debattenkultur im Deutschland des Jahres 2017.

Das beginnt schon bei der Sprache. Das Land sei von Flüchtlingen "geflutet" worden, sagt der Malermeister einmal, zwei Mütter, das sei doch irgendwie "komisch", rutscht es Ziemiak an einer Stelle heraus. In beiden Fällen wehren sich die Mitdiskutanten gegen die Formulierungen, aber - und das macht Volksvertreter sehenswert - das Gespräch bricht hier nicht ab. Zurückhaltend angeleitet von Moderator Jo Schück, stolpern die vier von der Flüchtlingspolitik zum Alltagssexismus und schließlich zur Familienpolitik. Manchmal kommt man zueinander - etwa, wenn die alleinerziehende Mutter etwas ungläubig feststellt, dass die Junge Union das von ihr geforderte Familiensplitting in einer ähnlichen Form unterstützen würde. Manche Positionen bleiben unvereinbar nebeneinander stehen. Aber alle nehmen das irgendwie sportlich. "Wer will noch einen Espresso oder ein Schnäpselchen?", fragt Schück irgendwann. Und, wer hätte das gedacht, alle trinken weiter.

Volksvertreter, ZDF Neo, donnerstags, 22.15 Uhr.

© SZ vom 29.06.2017/luch
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