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Diversity und Casting:Der Preis der Vielfalt

DRUCK

In Staffel vier von "Druck" dreht sich alles um die Protagonistin Amira (Tua El-Fawwal).

(Foto: Christoph Assmann/ZDF)

Um diversere Darstellerinnen und Darsteller zu finden, müssen Casting-Agenturen neue Wege gehen.

Von Lina Wölfel

Seit einem halben Jahr telefoniert Raquel Kishori Dukpa jeden Tag mit Grundschulen im Raum Berlin. Davon gibt es mehr als 400. "Hallo, ich bin Raquel!", sagt sie dann, wie sie erzählt. "Ich suche nach Kindern und Jugendlichen für eine neue Jugendserie. Ich wollte fragen, ob ich mal vorbeikommen und mich vorstellen könnte?" Immer und immer wieder. Wenn die Schulen es erlauben, fährt sie hin und fragt Schüler, ob sie Lust hätten, in einer Serie mitzuspielen. Sie notiert Kontaktdaten, macht Fotos, verteilt Infozettel zum Projekt.

Oft kassiert sie aber auch Absagen: Man wolle nicht mit "den Medien" zusammenarbeiten, heißt es dann. "Das ist enorm zeitaufwendig und echt mühsam", sagt Dukpa. Aber für sie ist es aktuell die einzige Möglichkeit, divers zu casten. Denn Schauspielerinnen und Schauspieler of Color, mit Migrationshintergrund, mit einer Behinderung oder aus der LGBTQIA+-Community sind in den herkömmlichen Datenbanken, auf Portalen wie "Crew United", "Schauspielervideos" oder "Castforward", kaum vertreten. Dabei geht es gar nicht um die Idee, dass Angehörige einer bestimmten Bevölkerungsgruppe nur noch sich selbst verkörpern dürfen. Es geht darum, Filmschaffenden zu helfen, eine diverse Gesellschaft glaubhaft abzubilden, auch durch Schauspielerinnen und Schauspieler, die aus anderen Kulturkreisen stammen.

Wer sich auf der Leinwand nicht wiederfindet, glaubt auch nicht, dass er dort eine Rolle spielen könnte

Gründe dafür gibt es viele. Einer dürfte fehlende Repräsentation sein. Wer sich selbst nicht im Fernsehen oder auf Kinoleinwänden wiederfindet, glaubt auch nicht, dass er oder sie selbst dort eine Rolle spielen könnte und ergreift gegebenenfalls auch kein Schauspielstudium. Das heißt auch, dass an den Schulen kein Querschnitt der Gesellschaft ankommt. Das Studium und die damit verbundenen Vorsprechen sind aber wichtig, um von Agenturen und Regisseuren wahrgenommen zu werden. Bleibt also die Arbeit mit Laiendarstellern. Als Weg, um an die Menschen zu kommen, die keine Chance auf ein Schauspielstudium hatten oder nicht in Agenturen vertreten sind - aber unsere Gesellschaft mitprägen. Und mitspielen wollen.

Raquel Dukpa hat sich deshalb auf das sogenannte Street- und Community-Casting spezialisiert. Je nach Projekt und Rollenprofil erstellt sie eine Tabelle mit Anlaufstellen - Jugendzentren, Bubble-Tea-Läden, die Berliner Fashion Week oder auch Schulen -, um dort Darsteller und Darstellerinnen zu finden. Oft arbeitet sie mit Vereinen und Institutionen zusammen oder startet Aufrufe über Instagram. Das Konzept dahinter ist an sich nicht neu, in den letzten Jahren wird es aber wieder populärer. Vor allem junge Filmemacher nutzen die Methode, um diversere Casts zusammenzustellen und marginalisierte Gruppen zu fördern. So wurde zum Beispiel die Youtube-Serie Druck von Funk, dem jungen Angebot der Öffentlich-Rechtlichen, überwiegend mit Laien besetzt, ebenso wie die Joyn-Serie Stichtag. Auch der vielfach ausgezeichnete Coming-of-Age-Film Futur Drei arbeitete mit dieser Methode.

Die Arbeit mit Laiendarstellern ist für die zuständigen Redaktionen jedoch riskant - sowohl zeitlich als auch finanziell. Unerfahrene Darsteller müssen für das Casting, für Textstudium, Proben und den Dreh an sich extra gecoacht werden. Das kostet Zeit und Geld. "Beides ist im klassischen Produktionsrahmen, sogar bei einem Tatort, aber einfach nicht da", sagt Björn Vosgerau von der Produktionsfirma Wüste-Film. Wüste-Film arbeitet deshalb nur dann mit Laiendarstellern, wenn es sich um Kinder- und Jugendrollen handelt. "Schauspiel ist ein Handwerk. Es spricht viel dafür, eine Ausbildung absolviert zu haben", so Vosgerau. Aber auch die Kommunikation ist bei Laiendarstellern aufwendiger. Anfragen und Gagenverhandlungen etwa werden bei professionellen Schauspielern durch eine Agentur oder ein Management übernommen.

Eine Entscheidung für Community-Casting bedeutet deshalb vor allem eines: unbezahlte Mehrarbeit auf allen Ebenen. Das beobachtet auch die Regisseurin und Autorin Mia Spengler. Für einen Film suchten sie und ihre Casterin Lisa Stutzky nach einer ostasiatisch gelesenen, also vom Zuschauer als ostasiatisch wahrgenommenen, deutschen Schauspielerin zwischen 20 und 45. Über Agenturen und Datenbanken wurde sie nicht fündig. Daraufhin starteten die beiden einen Casting-Aufruf auf Instagram. Und erhielten über 200 Bewerbungen. "Da merkst du erst, wie viele gute Schauspielerinnen es gibt, die in den Agenturen nicht vertreten sind", so Spengler.

Lisa Stutzky

Lisa Stutzky ist Casterin und hat bei ihrer Suche über Instagram Erfolg.

(Foto: Elsa van Damke)

Alle 200 Bewerbungen mit jeweils 20 bis 30 Minuten Material zu sichten, bedeutet einen enormen Zeitaufwand, der meist nicht von der Produktion bezahlt wird. Lisa Stutzky übernahm zusätzlich die Kommunikation mit den Bewerberinnen. Insgesamt 300 Stunden unbezahlte Mehrarbeit. Aber: "Dann fühlt man sich am Abend wenigstens nicht scheiße, weil man ein diskriminierendes System weiter am Laufen hält", sagt Mia Spengler.

Das System. Damit meint Spengler die Filmindustrie. Denn diskriminierungskritisches Casting ist nur möglich, wenn alle mitarbeiten. Der Wunsch nach mehr Diversität zeigt sich in deutschen Produktionen bislang aber vor allem vor der Kamera, nicht dahinter. "Die Firmen bleiben im Kern gleich, wollen aber etwas Neues präsentieren", sagt die Casterin Raquel Dukpa. Dabei werde die Verantwortung oft hin und her geschoben: "Die Casterinnen denken, es liegt an den Autoren; und die Autoren denken, es liegt an den Produzentinnen", sagt Dukpa.

Raquel Kishori Dukpa

Telefoniert sich durch Berliner Schulen: Casterin Raquel Dukpa.

(Foto: Frangipani Beatt)

Das Problem: Oft sind Drehbuch und Rollenbeschreibungen stereotyp oder diskriminierend geschrieben. Das ergibt auch eine qualitative und quantitative Online-Umfrage des Bündnisses "Vielfalt im Film".

Sie legt offen, dass 87 Prozent der 6000 befragten Filmschaffenden die Darstellung von arabisch gelesenen Menschen als klischeehaft bewerten. Das zieht sich durch alle marginalisierten Gruppen: Sinti und Roma sehen 81 Prozent der Befragten als diffamierend dargestellt, und auch bei Menschen mit Migrationshintergrund, Personen mit niedrigem sozialen Status oder Mitgliedern der Queer-Community beobachtet die große Mehrheit der Befragten klischeehafte Darstellungen.

Im Casting-Prozess werden Entscheidungen getroffen, die den ganzen Film prägen

Eine Erzählung aber, die diskriminierende und stereotype Figuren enthält, kann auch nicht durch Casting divers werden. Selbst wenn Casterinnen und Caster in Zusammenarbeit mit den Communities arbeiten wollen, müssen sie sich ihnen dann oft mit Rollenangeboten nähern, die als rassistisch oder diskriminierend empfunden werden. Diese Erfahrung spiegelt sich auch in der Studie "Vielfalt im Film" wieder. So haben mehr als die Hälfte aller Befragten in den letzten zwei Jahren Diskriminierungserfahrungen im Beruf gemacht. Über 61 Prozent von ihnen innerhalb der Anbahnungsphase eines Projekts, also bei Vorsprechen, während des Castings oder im Besetzungsprozess.

Mia Spengler möchte deshalb unbedingt am Besetzungsprozess beteiligt sein. "Wenn ich bei der Auswahl der Darstellerinnen nicht mitbestimmen darf, lehne ich das Jobangebot mittlerweile ab", sagt die Regisseurin. In einer Branche, in der Aufträge begehrt sind, muss man sich das erst mal leisten können. Im Castingprozess werden gleichwohl wichtige Entscheidungen getroffen, die den ganzen Film prägen. Casterinnen und Caster sind die ersten, die konkrete Vorschläge für Rollenbesetzungen machen. Wer nicht vorgeschlagen wird, landet später auch nicht im Film. Sie tragen die Verantwortung dafür, wer im Film repräsentiert wird - und in welcher Rolle. Doch nicht jeder Caster hat ausreichende Kapazitäten für Community-Casting. Denn neben Zeit und Geld muss auch die Bereitschaft vorhanden sein, sich mit den Communities offen auseinanderzusetzen und kontinuierlich dazuzulernen, was korrekte, antidiskriminierende Bezeichnungen angeht. Spengler arbeitet deshalb oft mit der gleichen Casterin zusammen- und zwar mit Lisa Stutzky.

Für Stutzky ist Casting eine politische Handlung. "Es geht nicht um die eigenen Befindlichkeiten, sondern darum, einen gesellschaftlichen Querschnitt zu spiegeln. Wenn der weder vor noch hinter der Kamera repräsentiert wird, muss man sich extra dafür einsetzen", sagt sie. Denn alle Bemühungen beim Casting bringen wenig, solange die Besetzung hinter der Kamera weiß bleibt. Solange kein Geld für Antidiskriminierungsworkshops, politische Bildung und Talentscouts da ist. Bis dahin bedeutet Casting für Menschen mit Diskriminierungserfahrung, ganz viel zu erklären. Und für alle anderen: noch mehr zuhören.

© SZ
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