Dieter Hallervorden wird 80:Seine jetzigen Rollen sind viel leichter als Slapstick, sagt er

Man merkt Hallervorden die Genugtuung an, mittlerweile in den Feuilletons als ernsthafter Schauspieler gewürdigt zu werden, und gleichzeitig eine gewisse Verwunderung darüber. Seine jüngsten Rollen seien viel leichter zu spielen als frühe Slapsticknummern aus Nonstop Nonsens, sagt er. Hallervorden wählt einen Fußballvergleich: "Im Prinzip ist es so, dass die Gefühlswelten mir die Vorlage geben, ich bloß noch den Fuß reinhalten muss, dann rollt die Kugel dahin, wo ich sie haben möchte." Er wisse nicht, ob es klug sei, das zu offenbaren, "aber es tut mir gut, das auszusprechen". Ähnlich merkwürdig finde er, dass ein Film wie Didi und die Rache der Enterbten, lange als Klamotte abgetan, heute als Klassiker gelte.

Nein, Bescheidenheit ist nicht Hallervordens größte Stärke. "Sie wissen ja, ich bin niemand, der sich selbst auf die Schulter klopft, aber ausverkauft ist, egal was ich spiele", antwortet er auf die Frage, warum er einen Publikumsrenner wie das Rückblicks-Programm "Stationen eines Komödianten" abgesetzt habe. Außerdem freut Hallervorden sich ausgiebig über die Ehrungen zum 80., im Anschluss an Chuzpe läuft Dieter Hallervorden - Ein Mann mit Humor und Tiefgang; Hallervorden lässt auch nicht unerwähnt, dass für ein Porträt, das Ende Oktober ausgestrahlt werden soll, Großschauspieler Klaus Maria Brandauer, Ratgeber bei der Wiedereröffnung des Schlosspark-Theaters, angefragt sei, über Hallervorden zu sprechen - der Film sei "eine Verbeugung, die ich gern entgegengenommen habe".

Als junger Mann ist der gebürtige Dessauer und damalige Dolmetscher aus der DDR geflohen, "der Stasi von der Schippe gesprungen", und auch wenn das mehr als ein halbes Jahrhundert her ist, wirkt diese Befreiung bis heute nach. Hallervorden hat keine Scheu, seine Meinung zu äußern, auch wenn sie nicht mehrheitsfähig ist. Als er für Til Schweigers Kinokomödie Honig im Kopf im April mit einer "Romy" ausgezeichnet wurde, sprach er davon, den österreichischen Filmpreis "heim ins Reich" zu bringen. Eine bewusste Provokation, sagt Hallervorden. "Ich wollte darauf aufmerksam machen, wie wenig Österreich sich seiner Nazi-Vergangenheit stellt, den Finger in die Wunde legen."

Hallervorden gefällt sich in der Rolle des unbequemen Gesellschaftskritikers. Zum Geburtstag veröffentlicht er den Rapsong "Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)", in dem er die aktuelle Weltlage reflektiert. "Saudipanzer bringen Geld, was die Arbeitsplätze hält", heißt es darin etwa. "Wenn's in' Nahen Osten geht, dann aus 'Solidarität'." Ein Rundumschlag, der mit Humor wenig zu tun hat, eher mit reichlich Sendungsbewusstsein.

Das Musikvideo hat Sohn Johannes inszeniert. Der 16-Jährige, Hauptdarsteller der Kinderserie Binny und der Geist, ist - so kitschig muss man das wohl ausdrücken - Papas ganzer Stolz. Und Jungbrunnen. Über seinen Letztgeborenen redet der späte Vater Hallervorden, der einräumt, sich für seine ersten drei Kinder weniger interessiert zu haben, fast noch lieber als über sich selbst. Nur bei dessen Geburt habe er mit seinem Alter gehadert, aus Angst, zu sterben, bevor Johannes volljährig ist. Genau eine Woche nach dem Geburtstag des Vaters wird er 17., Ziel so gut wie erreicht. "Ein Kind zum ersten Mal so bewusst aufwachsen zu sehen, hat mir sehr viel Lebensmut gegeben", sagt Hallervorden. "Ich hatte plötzlich außerhalb des Berufs eine Aufgabe, die ich gern erfüllt habe und erfülle." Nicht nur Sein letztes Rennen-Regisseur Riedhof verdankt Hallervorden also seine Alterskarriere, auch Sohn Johannes hat seinen Anteil daran.

Auch wenn er Auszeiten mehr zu schätzen weiß als früher - den August hat Hallervorden senior beinahe komplett in seinem Schlösschen in der Bretagne verbracht - seine Leidenschaft für die Schauspielerei, die er während des Romanistikstudiums entdeckte, sagt Hallervorden, lasse sich "nicht einfach so austreten, wie man ein Feuer austritt". Kollegen, die die Rente herbeisehnen, versteht er nicht. "Solange meine beiden Füße mich noch auf die Bühne tragen, der Kopf mitspielt und ein paar Leute mich sehen wollen, würde ich gern auf der Bühne bleiben." Wünscht er sich gar, eines Tages auf der Bühne zu sterben? "Ich möchte Molière nicht alles nachmachen." Sagt's und bestaunt grinsend seine schlagfertige Replik. Auch das ist wohl ein Faktor seines anhaltenden Erfolgs: dass dieser Mann so unverschämt im Reinen ist mit sich.

Chuzpe, ARD, Samstag, 20.15 Uhr.

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