Süddeutsche Zeitung

Dieter Hallervorden wird 80:Vorbei mit "Palim, Palim"

Komische Brillen, lächerliche Frisuren, groteske Sprachfehler: Die Siebziger und Achtziger gehörten "Didi". Mit ernsten Rollen bekommt Dieter Hallervorden jetzt die Anerkennung, die ihm damals verwehrt blieb.

Von David Denk

Das Rangfoyer des Berliner Kabaretttheaters "Die Wühlmäuse" ist, reden wir nicht drumherum, von abstoßender Grellheit. Dieter Hallervorden verspätet sich, also hat der Besucher ausgiebig Gelegenheit, die türkis-bunt-gemusterten Bänke und Stühle zu bewundern, viel chromblitzendes Metall, Fantasie-Ethno-Masken an den Wänden. Die Neunziger sind nicht vorbei - jedenfalls nicht hier. Seit März 2000 residieren die Wühlmäuse am Theodor-Heuss-Platz und haben für die Bezüge offenbar Restposten bei einem Hersteller für Reisebussitze aufgekauft. Man wünscht sich unwillkürlich eine Sonnenbrille oder wenigstens einen Cocktail mit Schirmchen und Blue Curacao, um das Bild rund zu machen.

In gewisser Weise, denkt man beim Warten auf den Hausherrn, spiegelt die Einrichtung hier den mittleren Hallervorden wider, den grenzdebil grimassierenden Blödler, den Palim Palim-Didi, der auch ganz schön dick aufgetragen hat: komische Brillen, lächerliche Frisuren, groteske Sprachfehler. Diese laute Figur prägte den Humor der späten Siebziger und Achtzigerjahre und machte Hallervorden berühmt: als deutscher Volkskomiker, als niedrigschwelliger Anti-Loriot. Noch heute denken viele beim Namen Hallervorden erst mal an "eine Flasche Pommes frites" und nicht an ernsthafte Rollen in Filmen wie Das Millionenspiel oder Der Springteufel, die Hallervorden Anfang der Siebziger drehte, als er mit den Wühlmäusen schon ein eigenes Kabarett hatte, aber noch keine Fernsehkarriere. Die begann damals allmählich mit der Sketchshow Abramakabra an der Seite von Helga Feddersen.

So ist das in Deutschland: Humor gilt hierzulande eher als eine jugendliche Flause

Plötzlich - zuerst ist da nur dieses vertraute Genuschel aus dem Off - steht Hallervorden im Raum, Strickjacke, bequeme Laufschuhe, zerzaustes Resthaar, entschuldigt sich und entschuldigt sich noch mal, eine Mitarbeiterin serviert Tee. Der Mann schont sich nicht, er habe zuletzt "gewaltig geackert", sagt er: Gerade erst war Hallervorden in Paris, wo er Sein letztes Rennen für die französische Fernsehausstrahlung synchronisiert hat, das Kinodrama von Kilian Riedhof über einen Altersheimbewohner, der für den Berlin-Marathon trainiert. Er weiß, welche Frage jetzt kommt, und antwortet, bevor sie gestellt wird: "Das ist ein Film, an dem ich sehr hänge, weil er mir ermöglicht hat, aus der Schublade des Nonsens und des politisch-satirischen Kabaretts herauszutreten und zu beweisen, dass ich auch Charakterrollen spielen kann."

Mittlerweile ärgert sich Hallervorden, der an diesem Samstag 80 Jahre alt wird, ein bisschen darüber, dass er Wer immer schmunzelnd sich bemüht . . ., seine Memoiren, schon vor zehn Jahren veröffentlicht hat, vorschnell könnte man sagen, denn Sein letztes Rennen wurde vor zwei Jahren zum Startpunkt einer Alterskarriere, die Hallervorden auszukosten gedenkt, hat er doch lange genug das Image von Didi, seinem "Halbbruder, von dem ich mich mal trennen musste", abzuschütteln versucht. "Mal sehen, was noch drin ist", sagt er. Mit runden Geburtstagen habe er nie gehadert: "Solange alt werden das einzig bekannte Mittel ist, um länger zu leben, bleibt mir ja nichts anderes übrig."

Er gefällt sich in der Rolle des unbequemen Gesellschaftskritikers

Zum Geburtstag hat die ARD-Produktionstochter Degeto ihm einen Film geschenkt, Chuzpe nach dem gleichnamigen Bestseller von Lily Brett, ein eher laues Feelgood-Märchen (Buch: Andrea Stoll; Regie: Isabel Kleefeld). Darin - Untertitel: "Klops braucht der Mensch!" - spielt Hallervorden wieder einen liebenswürdig-schrulligen Opi, der sich mit großen Augen und Tatendrang gegen die Vergänglichkeit stemmt: Der Holocaust-Überlebende Edek ist über 80, als er von Melbourne nach Berlin zieht, gegen den Widerstand seiner verspannten Tochter (Anja Kling) ein Restaurant aufmacht und dann auch noch heiraten möchte. "Er ist jemand, der ganz genau weiß, was er will und seine Ziele strikt verfolgt, gegen alle Widerstände, und sich sagt: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man was Schönes bauen." Hallervorden spricht über Edek, aber auch über sich selbst. Ja, sagt er, die Figur sei ihm schon ähnlich. Immerhin war er weit über 70, als er das Schlosspark-Theater in Steglitz wiederbelebte und sich damit einen Ort schuf, an dem er endlich Molière spielen durfte.

Die späte Verehrung seiner Person folgt einem ziemlich deutschen Muster: Humor gilt, von wenigen Ausnahmen wie Loriot abgesehen, als eine Art jugendliche Flause. In Ehren altern können Künstler nur im sogenannten seriösen Fach.

Seine jetzigen Rollen sind viel leichter als Slapstick, sagt er

Man merkt Hallervorden die Genugtuung an, mittlerweile in den Feuilletons als ernsthafter Schauspieler gewürdigt zu werden, und gleichzeitig eine gewisse Verwunderung darüber. Seine jüngsten Rollen seien viel leichter zu spielen als frühe Slapsticknummern aus Nonstop Nonsens, sagt er. Hallervorden wählt einen Fußballvergleich: "Im Prinzip ist es so, dass die Gefühlswelten mir die Vorlage geben, ich bloß noch den Fuß reinhalten muss, dann rollt die Kugel dahin, wo ich sie haben möchte." Er wisse nicht, ob es klug sei, das zu offenbaren, "aber es tut mir gut, das auszusprechen". Ähnlich merkwürdig finde er, dass ein Film wie Didi und die Rache der Enterbten, lange als Klamotte abgetan, heute als Klassiker gelte.

Nein, Bescheidenheit ist nicht Hallervordens größte Stärke. "Sie wissen ja, ich bin niemand, der sich selbst auf die Schulter klopft, aber ausverkauft ist, egal was ich spiele", antwortet er auf die Frage, warum er einen Publikumsrenner wie das Rückblicks-Programm "Stationen eines Komödianten" abgesetzt habe. Außerdem freut Hallervorden sich ausgiebig über die Ehrungen zum 80., im Anschluss an Chuzpe läuft Dieter Hallervorden - Ein Mann mit Humor und Tiefgang; Hallervorden lässt auch nicht unerwähnt, dass für ein Porträt, das Ende Oktober ausgestrahlt werden soll, Großschauspieler Klaus Maria Brandauer, Ratgeber bei der Wiedereröffnung des Schlosspark-Theaters, angefragt sei, über Hallervorden zu sprechen - der Film sei "eine Verbeugung, die ich gern entgegengenommen habe".

Als junger Mann ist der gebürtige Dessauer und damalige Dolmetscher aus der DDR geflohen, "der Stasi von der Schippe gesprungen", und auch wenn das mehr als ein halbes Jahrhundert her ist, wirkt diese Befreiung bis heute nach. Hallervorden hat keine Scheu, seine Meinung zu äußern, auch wenn sie nicht mehrheitsfähig ist. Als er für Til Schweigers Kinokomödie Honig im Kopf im April mit einer "Romy" ausgezeichnet wurde, sprach er davon, den österreichischen Filmpreis "heim ins Reich" zu bringen. Eine bewusste Provokation, sagt Hallervorden. "Ich wollte darauf aufmerksam machen, wie wenig Österreich sich seiner Nazi-Vergangenheit stellt, den Finger in die Wunde legen."

Hallervorden gefällt sich in der Rolle des unbequemen Gesellschaftskritikers. Zum Geburtstag veröffentlicht er den Rapsong "Ihr macht mir Mut (in dieser Zeit)", in dem er die aktuelle Weltlage reflektiert. "Saudipanzer bringen Geld, was die Arbeitsplätze hält", heißt es darin etwa. "Wenn's in' Nahen Osten geht, dann aus 'Solidarität'." Ein Rundumschlag, der mit Humor wenig zu tun hat, eher mit reichlich Sendungsbewusstsein.

Das Musikvideo hat Sohn Johannes inszeniert. Der 16-Jährige, Hauptdarsteller der Kinderserie Binny und der Geist, ist - so kitschig muss man das wohl ausdrücken - Papas ganzer Stolz. Und Jungbrunnen. Über seinen Letztgeborenen redet der späte Vater Hallervorden, der einräumt, sich für seine ersten drei Kinder weniger interessiert zu haben, fast noch lieber als über sich selbst. Nur bei dessen Geburt habe er mit seinem Alter gehadert, aus Angst, zu sterben, bevor Johannes volljährig ist. Genau eine Woche nach dem Geburtstag des Vaters wird er 17., Ziel so gut wie erreicht. "Ein Kind zum ersten Mal so bewusst aufwachsen zu sehen, hat mir sehr viel Lebensmut gegeben", sagt Hallervorden. "Ich hatte plötzlich außerhalb des Berufs eine Aufgabe, die ich gern erfüllt habe und erfülle." Nicht nur Sein letztes Rennen-Regisseur Riedhof verdankt Hallervorden also seine Alterskarriere, auch Sohn Johannes hat seinen Anteil daran.

Auch wenn er Auszeiten mehr zu schätzen weiß als früher - den August hat Hallervorden senior beinahe komplett in seinem Schlösschen in der Bretagne verbracht - seine Leidenschaft für die Schauspielerei, die er während des Romanistikstudiums entdeckte, sagt Hallervorden, lasse sich "nicht einfach so austreten, wie man ein Feuer austritt". Kollegen, die die Rente herbeisehnen, versteht er nicht. "Solange meine beiden Füße mich noch auf die Bühne tragen, der Kopf mitspielt und ein paar Leute mich sehen wollen, würde ich gern auf der Bühne bleiben." Wünscht er sich gar, eines Tages auf der Bühne zu sterben? "Ich möchte Molière nicht alles nachmachen." Sagt's und bestaunt grinsend seine schlagfertige Replik. Auch das ist wohl ein Faktor seines anhaltenden Erfolgs: dass dieser Mann so unverschämt im Reinen ist mit sich.

Chuzpe, ARD, Samstag, 20.15 Uhr.

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SZ vom 05.09.2015/aper
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