Journalismus Deutsche Welle startet Programm +90 für die Türkei

+90 lautet der Name des neuen Programms - genau wie die Ländervorwahl der Türkei.

(Foto: Deutsche Welle)
  • Zusammen mit BBC, France 24 und der Voice Of America startet die Deutsche Welle das Programm +90.
  • Das Angebot richtet sich an jüngere Zielgruppen in der Türkei und läuft auf YouTube.
  • DW-Intendant Limbourg nennt als einen der Gründe für die Gründung die Lage der Meinungsfreiheit in dem Land.
Von Hans Hoff

Rund vier Millionen Views erreichten in diesem Jahr die für die Türkei gedachten Videos der Deutschen Welle (DW) bei YouTube pro Monat. Das ist ein stattlicher Wert, aber einer, der durchaus zu steigern wäre. Um das zu schaffen, hat sich der deutsche Auslandssender nun mit Partnern aus England, Frankreich und den USA zusammengetan. Gemeinsam mit der BBC, France 24 und der Voice Of America startet die DW zum Wochenbeginn einen neuen Kanal auf YouTube. Der Name: +90, genau wie die Ländervorwahl für die Türkei.

DW-Intendant Peter Limbourg hofft, dass mit +90 auch andere Zuschauer als bisher angesprochen werden. "Wir denken, dass wir mit dem neuen Angebot gezielt an jüngere Nutzer herankommen", sagt er. Mit +90 will Limbourg das bestehende YouTube-Angebot ergänzen, das bislang eher nachrichtlich orientiert ist und auch so bleiben soll.

Fernsehen Er will nur seinen Job machen
Doku über Deniz Yücel

Er will nur seinen Job machen

Die Journalistin und Tagesthemen-Moderatorin Pinar Atalay sucht nach Wahrheiten um die Verhaftung und Freilassung des Türkei-Korrespondenten Deniz Yücel.   Von Christiane Schlötzer

Bisher hat der bestehende DW-YouTube-Kanal für die Türkei rund 200 000 Abonnenten, was aber als eine eher relative Größe anzusehen ist. "Abonnenten sind wichtig, aber wenn sie nie reinschauen, ist es auch nicht gut", sagt Limbourg, der neue Nutzer durchaus auch mit Unterhaltendem ködern möchte. "Wir setzen auf längere Beiträge, auf Erklärstücke, die durchaus auch 15 Minuten dauern dürfen", sagt er und betont, dass man auf dem Clipkanal keine Billigware verramschen will: "Bei YouTube müssen sie Hochglanz anbieten", erklärt er.

Die Notwendigkeit, die Aktivitäten der Auslandssender gerade für die Türkei zu verstärken, ergibt sich für Limbourg nicht nur aus der aktuell prekären Lage der Meinungsfreiheit in der Türkei. "Wir haben so viele Verbindungen dorthin, und es gibt da ein großes gegenseitiges Informationsbedürfnis", sagt er.

Koordiniert wird das Projekt, bei dem die internationalen Partner selbstständig ihre Beiträge einstellen, von der Deutschen Welle, wo man auch ein Auge auf die Social-Media-Einbindung werfen will. Insbesondere der Gefahr, dass Nutzer, denen die Inhalte nicht passen, gezielt die Kommentarspalten fluten, möchte man vorbeugen. "Wir werden einiges aufwenden fürs Community-Management", sagt Limbourg, der natürlich weiß, dass die Regierung in der Türkei durchaus weiß, wie man nennenswerte Massen gegen unliebsame Beiträge mobilisiert.

"Mit dem Risiko müssen wir leben, aber wir müssen schauen, dass wir es angemessen moderieren", verspricht Limbourg, der indes Kritik aus bestimmten Kreisen gewohnt ist. "Es gehört zu unserem täglichen Geschäft, dass unser Angebot bei der jeweiligen Regierung nicht immer willkommen ist", sagt er, verspricht aber, dass man stets alle Seiten zu Wort kommen lassen wolle. Wenn es dann trotzdem noch Missfallen gibt, dann könne man das auch nicht ändern. "Journalismus ohne Risiko gibt es nicht", sagt der Intendant.

Was aber wird, wenn die Türkei YouTube komplett abschaltet, weil sich dort zu viele kritische Beiträge über das Land finden? "Ich glaube nicht, dass die Gefahr besteht. Wenn man YouTube abschaltet, schaltet man es für alle ab", sagt Limbourg und schließt auch die Möglichkeit aus, dass YouTube auf Druck der Regierung einzelne Videos sperrt: "Davon gehen wir nicht aus."

Fragt man den Intendanten, wie der Erfolg des Projekts bemessen wird, bleibt er vage. "Wir glauben, dass wir eine relevante Nutzerzahl erreichen", sagt er und schließt langfristig auch einen Kanal mit durchlaufendem linearem Programm nicht aus. "Das ist eine Option, die wir anstreben. Das erfordert aber mehr Mittel."

Journalismus "Der kritische Printjournalismus stirbt in der Türkei"

Pressefreiheit

"Der kritische Printjournalismus stirbt in der Türkei"

Ins Stiftungsgremium der liberalen Zeitung "Cumhuriyet" ziehen stramme Nationalisten ein. Angesehene Journalisten verlassen das Blatt oder werden gekündigt.   Von Christiane Schlötzer