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Deniz Yücel:Der Fall Yücel hat mit der Person Yücel nicht viel zu tun

Pressefreiheit

Die Solidarität für Deniz Yücel habe in Deutschland zur Überwindung des alten Links-rechts-Lagerdenkens beigetragen, sagt Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt.

(Foto: dpa)

Seit Februar sitzt Deniz Yücel in der Türkei in Haft. Ohne Anklage, aber mit einer Beurteilung von Präsident Erdoğan. Sein Fall ist zu einem der kniffligsten in der Geschichte der deutsch-türkischen Diplomatie geworden.

Von Tim Neshitov

Drei Tage vor dem jüngsten Verfassungsreferendum in der Türkei gab Präsident Recep Tayyip Erdoğan zur Primetime ein längeres Interview im türkischen Fernsehen. Er sagte viel Erwartbares (zum Beispiel, dass er sich für einen "Diener" seines Volkes halte) und viel Beunruhigendes (zum Beispiel, dass Europa nach dem Referendum mit "Überraschungen" rechnen könne).

Zum Schluss sagte Erdoğan aber etwas, was einem den Atem raubte, auch wenn man sich an die kalkulierte Unberechenbarkeit der türkischen Politik in den vergangenen Jahren - vor allem seit dem gescheiterten Putsch vom vergangenen Juli - gewöhnt hat: Erdoğan nannte Deniz Yücel, den inhaftierten Türkei-Korrespondenten der Zeitung Die Welt einen "ajan terrörist".

Damit ist wohl eine Art Terrorist gemeint, der gleichzeitig für einen fremden (in diesem Fall den deutschen) Staat spioniert. So nannte Erdoğan bereits den Kollegen Can Dündar, den nach Deutschland geflüchteten Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet. Nach aktuellen Zahlen der Reporter ohne Grenzen sitzen in der Türkei derzeit rund 150 Journalisten im Gefängnis, etwa 150 Medien wurden geschlossen und Hunderte Presseausweise annulliert.

Der 43-jährige Deniz Yücel, der sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft hat, sitzt seit Februar in Untersuchungshaft. Es wurde noch nicht einmal Anklage gegen ihn erhoben. Präsident Erdoğan aber sagte in dem erwähnten Interview, Yücel werde nicht freikommen, so lange er, Erdoğan, im Amt bleibe.

Der Fall Deniz Yücel ist zu einem der kniffligsten in der Geschichte der deutsch-türkischen Diplomatie geworden. Wie immer bei heiklen Fällen, bekommt man bei der Recherche von den beteiligten Diplomaten, die mit Hochdruck an einer Lösung arbeiten, viel mehr erzählt, als man dann für die Öffentlichkeit schreiben darf. Die Informationen erhält man "unter drei", wie es im journalistischen Jargon heißt, sie sind also vertraulich und nur als Hintergrundwissen gedacht.

Auch Deniz Yücels Vorgesetzter, Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der regelmäßig mit dem Auswärtigen Amt telefoniert, kann vieles lediglich "unter drei" sagen. Immerhin kann er dem Drama um den Kollegen zumindest eine gute Entwicklung abgewinnen: Die Solidarität für Deniz Yücel habe in Deutschland zur Überwindung des alten Links-rechts-Lagerdenkens beigetragen, sagt Poschardt. Bevor Yücel zum Axel-Springer-Blatt Die Welt wechselte, hatte er jahrelang für die linke taz geschrieben.

Yücels Schwester Ilkay, die immer noch in Flörsheim am Main wohnt, wo sie und ihr Bruder aufgewachsen sind, ist beim Besuch der SZ müde und angespannt: Kann etwas, was sie in Flörsheim sagt, und sei es über die Jugend ihres Bruders, Deniz Yücel in der Türkei schaden?

Es ist eine beklemmende Recherche mit vielen Fragezeichen. Am deutlichsten hat sich bislang Präsident Erdoğan geäußert, im Fernsehinterview: Deniz Yücel sitze demnach deswegen im Gefängnis, weil Deutschland Anhänger von Erdoğans Intimfeind Fethullah Gülen bei sich aufgenommen habe. Der Fall Deniz Yücel hat offenbar mit der Person Deniz Yücel nicht viel zu tun.

© SZ.de/stein/cag
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