ZDF-Doku über Corona:Zögern im Angesicht der Katastrophe

Lesezeit: 3 min

ZDF-Doku über Corona: Eines von Millionen Opfern. War die Pandemie vermeidbar?

Eines von Millionen Opfern. War die Pandemie vermeidbar?

(Foto: Fei Maohua, dpa/ZDF)

Die ZDF-Doku "Der Ausbruch" zeichnet nach, was Politik und Wissenschaft - ja die gesamte Weltgemeinschaft - in den ersten Monaten der Pandemie versäumt haben.

Von Werner Bartens

Der Ton wird schon im Vorspann gesetzt. Eine Stimme warnt: "Perfektionismus ist der Feind des Guten, wenn es um Krisenmanagement geht. Schnelligkeit schlägt Perfektion. Das Virus wird dir immer voraus sein, wenn du dich nicht bewegst." Doch weltweit drohen Verzögerungen und der Sprecher weiß, warum: "Jeder hat Angst, einen Fehler zu machen. Aber der größte Fehler ist, nichts zu tun." Im Kampf gegen neue Erreger kommt es auf Tempo an - speed matters.

Die Stimme gehört Mike Ryan, Direktor der Nothilfe-Koordination der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wann er die Welt gewarnt hat, angesichts einer viralen Bedrohung zu zögern, verrät der Film von Michael Wech nicht. Dafür ist mehrmals zu erfahren, dass die WHO Interviews verweigert hat. Der Ausbruch - war die Pandemie vermeidbar, muss ohne O-Ton eines Hauptangeklagten auskommen.

Dafür werden Zeugen aufgeboten, die belegen, dass die Corona-Pandemie zwar vielleicht nicht hätte vermieden werden können, aber frühes Handeln die weltweiten Folgen mit bisher 521 Millionen Infektionen und 6,2 Millionen Todesopfern hätte abmildern können. Der Film zeichnet akribisch nach, wie die Nachricht von der "Lungenkrankheit unbekannter Ursache" Ende Dezember 2019 weltweit Forscher und Regierungen erreichte - und zuerst nichts geschah und dann zu wenig.

So warnte Chinas Regierung Behördenleiter und Ärzte, öffentlich über die Seuche zu sprechen. Ärzte, die das taten, wurden als "Gerüchtemacher" beschuldigt. Am 5. Januar 2020 hatten vier Labore das Virus sequenziert, was essenziell für die Impfstoffentwicklung ist, doch die chinesischen Behörden teilten die Information nicht. Ein australischer Forscher publizierte das Genom schließlich am 10. Januar.

Kleine Verzögerungen können eine große Wirkung haben, wenn sie sich addieren

Der Zeitverzug wirkt nach zweieinhalb Jahren Pandemie geringfügig, aber die Verzögerungen addierten sich. Nachdem am 13. Januar 2020 der erste Corona-Fall in Thailand auftrat, verneinten chinesische Behörden, dass sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt, obwohl intern damit gerechnet wurde. Die WHO übernahm das zunächst. Erst später wurde die "begrenzte Möglichkeit" einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung eingeräumt.

Die Filmemacher erliegen in der ersten Hälfte der Gefahr, als nachträgliche Besserwisser aufzutreten. "Wir haben die Chance vertan, Millionen Menschenleben zu retten", sagt einer der befragten Experten. "Wegen Chinas Verhalten und der Impotenz der WHO." Für alle, die es noch nicht verstanden haben, untermalen dramatische Musik und dunkle Rauchschwaden die verpasste Möglichkeit. Hinterher ist man immer schlauer.

Es ist auch Jeremy Farrar vom Wellcome Trust zu verdanken, dass die Darstellung ausgewogener wird. Zwar habe man Mitte Januar 2020 bereits genug gewusst, um sagen zu können: "Das ist sie, unsere Pandemie, unser 1918". Aber die Wissenschaft hätte sich nicht verständlich machen können, und die Politik ließ sich nicht überzeugen. So ging Ende Januar 2020 während des Weltwirtschaftsforums in Davos alles seinen gewohnten Gang, "eine absurde Situation, ein Paralleluniversum in diesem Schweizer Dorf - und gleichzeitig drohte die globale Katastrophe", so Farrar.

Sars, Schweinegrippe, Vogelgrippe und Ebola - sie waren nicht so gefährlich wie befürchtet

In diesen Momenten wird deutlich, wie schwer es war, vor Corona zu warnen, nachdem Sars, Schweinegrippe, Vogelgrippe und Ebola sich weltweit als nicht so gefährlich erwiesen hatten wie befürchtet. Wuhan wurde abgesperrt, aber es wurde nur darüber gesprochen, was die chinesische Regierung tat und nicht, warum.

China baute zwar in sechs Tagen ein Krankenhaus mit 1000 Betten. Doch Mitte Februar 2020 hatte die Welt kurz das Gefühl, das könnte es schon gewesen sein mit der Seuche. Während der Münchner Sicherheitskonferenz erklärten Experten, dass Masken nicht schützen, Boris Johnson forderte sein Volk auf, dem normalen Leben nachzugehen, und Donald Trump frohlockte, dass es bald nur noch einen oder zwei Patienten geben werde.

Nur wenige Politiker verstanden, was exponentielles Wachstum bedeutet, "da haben wir versagt, die Bedrohung zu vermitteln", gesteht Farrar ein. Dann kam Bergamo. Dies und ein Aufsatz, mit dem der Begriff "Flattening the curve" populär wurde, brachten die Wende. Erst am 11. März bewertete die WHO die Situation neu und erklärte, dass Covid-19 als Pandemie bezeichnet werden kann.

Es ist wie bei einem Hurrikan: Man muss die Stadt evakuieren, wenn die Sonne scheint. Der Film klagt an, dass die zehn Wochen vom Januar 2020 bis Anfang März den Verlauf der Pandemie bestimmten und im Nachhinein zehn verlorene Wochen waren. Doch nach jeder Krise haben die Menschen die Wahl zu handeln - oder weiterzumachen wie bisher. Die nächste Pandemie, da sind sich Fachleute einig, würde schlimmer werden.

Der Ausbruch - War die Pandemie vermeidbar?, 17. Mai, 20.15 Uhr, im ZDF.

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