Claas Relotius über seine Fälschungen:"Seelische Probleme"

Claas Relotius

Ex-Journalist Claas Relotius hat erstmals öffentlich über seine gefälschten Texte gesprochen.

(Foto: Julius Hirtzberger/dpa)

Mehr als zwei Jahre lang war der Fälscher Claas Relotius abgetaucht. Jetzt erzählt er, warum er Presse und Leser getäuscht hat. Es ist eine große Geschichte mit schillernden Details.

Von Laura Hertreiter

Nachdem der Fälscher Claas Relotius aufgeflogen war, stellte sich nach der ersten allgemeinen Fassungslosigkeit rasch die Frage: Hat er als Reporter je einen journalistisch korrekten Text geschrieben? Relotius hatte Figuren, Personen, Geschichten erfunden, im Spiegel und in Zeitungen, er hatte jahrelang Redaktionen wie Leserschaft getäuscht und die wichtigsten Preise der Branche abgeräumt, vor allem in der Form der Reportage galt er als Star. Seine Geschichten waren Hochglanz: große Fallhöhen, brillante Protagonisten, glasklare Zusammenhänge. Ende 2018 zerplatzte all das, und übrig blieb die Frage, wie viel Journalist in Claas Relotius steckt. Jetzt hat er sie beantwortet im, kein Witz, Reportagen-Magazin.

Also, wie viele seiner etwa 120 journalistischen Texte seien nun korrekt? "Nach allem, was ich heute über mich weiß, wahrscheinlich die allerwenigsten. Bei einigen Texten kann ich es einfach nicht sicher sagen."

Das Schreiben habe ihm "geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen"

Nun erzählt Claas Relotius also seine Geschichte in einem Interview in epischer Länge. Es ist, so kennt man das von ihm, eine Geschichte von bestechender Stringenz und mit schillernden Details. Nachdem der Spiegel den Skandal hatte offenlegen müssen, war Relotius demnach ein halbes Jahr lang in stationärer psychiatrischer Behandlung. Jetzt sei er Antworten schuldig, sagt er nun, und dass er erschrocken über sich selbst sei. Er habe: "Mist gebaut". Und das tue ihm leid.

Konkreter: Er, psychisch schwer krank, habe seinen Beruf auf eine Art von Anfang an missbraucht, "das hemmungslose Schreiben hatte für mich eine ganz egoistische Funktion. Es hat mir geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen, zu kontrollieren und von mir fernzuhalten. Schon lange vor dem Journalismus".

Diese Relotius-Geschichte nun nach mehr als zwei Jahren des Schweigens handelt von einem kranken Mann, der sich nur mit dem Verfassen von Märchen für die deutsche Presse aus psychischen Krisen retten konnte. Er habe Stimmen gehört, einmal im Studium sei er spontan nach Kuba geflogen, "in meiner Erinnerung bin ich damals weiter nach Mexiko geflogen, aber ich kann heute keinen Beleg dafür finden, dass ich im Sommer 2010 tatsächlich in Mexiko gewesen bin". Einmal sei er "nachts auf der Zoobrücke im Gegenverkehr" gestanden "und wusste nicht, warum". Einmal sei er "über mehrere Tage in ein Waldstück bei Hamburg gegangen, um nach einem Störsender zu suchen, der meine Gedanken blockiert und die Kommunikation mit anderen Menschen verhindert". Als krank habe er sich dabei nie wahrgenommen.

Aufgeflogen war der Betrug beim Spiegel durch einen Kollegen, Juan Moreno, dem Unstimmigkeiten aufgefallen waren. Als der Beweise gesammelt und beim Nachrichtenmagazin vorgelegt hatte, ließ man ihn abblitzen. Darüber hat Moreno später ein Buch geschrieben, um dessen Faktentreue dann ebenfalls ein Streit entbrannte - Relotius' Anwalt hat eine umfangreiche Klageschrift angekündigt. Auch Relotius selbst teilt nun gegen Moreno aus. Er wäre dankbar gewesen, "hätte er mich als den Menschen bloßgestellt, der ich auch bin", sagt er im Interview.

Dann ist da noch die Frage, ob beim "Spiegel" ein System hinter den Fälschungen stand

Wie ist die Geschichte vom Betrüger aus psychischer Not, vom großen Realitätsverlust einzuschätzen? "Viele Menschen haben seelische Probleme. Man muss deswegen keinen Medienskandal verursachen", sagt Relotius selbst. Er schildert seinen psychischen Zustand in diesem Interview auf eine Weise, wie es Betroffene selten tun, was bleibt in dieser Geschichte, ist einer, der Hilfe gebraucht hat, der sie noch immer braucht und das kompromisslos offenlegt. Nicht schuldfähig oder schonungslos ehrlich?

Die Wirklichkeit ist selten glasklar, sondern in der Regel kompliziert, widersprüchlich und vielschichtig, das hat Relotius seine Leser gelehrt, der seinen Geschichten immer eine faszinierende, fast literarisch anmutende Auflösung gab. Deshalb ist das Interessanteste an seiner Geschichte die Interviewfrage, ob nicht doch was dran sei an dem Vorwurf gegen den Spiegel, hinter den Fälschungen habe ein System gesteckt, eine Redaktion, die ihn in seinem Tun bestärkt und befeuert habe. Denn darauf antwortet er ausweichend, bevor er Kollegen und seinen Ressortleiter ausdrücklich lobt.

© SZ/cag/hy
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