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Claas Relotius beim "Spiegel":"Es war die Angst vor dem Scheitern"

Ende vergangener Woche gab Relotius schließlich zu, ganze Passagen frei erfunden zu haben, nicht nur in "Jaegers Grenze". Seinen Angaben zufolge sind mindestens 14 Texte betroffen und zumindest in Teilen gefälscht. Relotius habe "beispielsweise viele der Protagonisten nie getroffen oder gesprochen, von denen er erzählt und die er zitiert", schreibt der Spiegel.

Es sei ihm nicht um das nächste große Ding gegangen, sagt er. Es ging um die Angst vorm Scheitern

Während seines Geständnisses vergangenen Donnerstag sagte Relotius laut Spiegel wörtlich: "Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern." Und "mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde". Relotius erklärte im Gespräch mit seinen Vorgesetzten offenbar, er sei psychisch krank. Kontrollmechanismen, die er bei anderen Menschen vermute, würden bei ihm nicht funktionieren.

Diese Aussage erklärt den Zwiespalt der Gefühle in der Redaktion: Einerseits fühlt man sich getäuscht, erschüttert, andererseits empfindet man Mitgefühl mit dem jungen Kollegen. Dirk Kurbjuweit, Mitglied der Spiegel-Chefredaktion, sagte, er stelle sich die Frage, in welchem "inneren Terror" Relotius gelebt haben müsse: All die Ehrungen entgegenzunehmen, die Lobreden zu hören und gleichzeitig zu wissen, was er getan habe. "Da sehe ich schon einen Menschen in einem absolut bedauernswerten Zustand", sagte Kurbjuweit.

Eine zentrale Frage ist, wie vorsätzliche Täuschungsmanöver dieser Dimension ausgerechnet beim Spiegel, der sich einer intensiven Faktenprüfung durch seine Dokumentationsabteilung rühmt, möglich waren. "Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der Spiegel in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind", schreibt Fichtner. "Nicht verhindert zu haben, dass die seit 1949 im Spiegel-Statut verbrieften Werte des Hauses in derart flagranter Weise verletzt werden, verursacht einen stechenden Schmerz, und das ist nicht nur hingesagt." Die Chefs kündigten an, eine Kommission aus erfahrenen internen und externen Personen unter Leitung des im Januar zum Spiegel wechselnden neuen Nachrichtenchefs Stefan Weigel einzusetzen, die den Hinweisen auf Fälschungen nachgehen soll. Die Kommission solle auch alles Weitere öffentlich aufarbeiten und die Sicherheitsmechanismen im Haus verbessern.

Wenn das volle Ausmaß der Fälschungen klar sei, so der künftige Chefredakteur Klusmann, seien auch personelle Konsequenzen möglich. Denkbar sei auch, dass künftig jeder Reporter von einem Fotografen begleitet werden müsse, um Manipulationen zu erschweren. Absolute Sicherheit aber könne es nie geben: "Am Ende muss eine Redaktion den eigenen Leuten natürlich ein Urvertrauen entgegenbringen."

Der Fall weckt Erinnerungen an den Skandal um den Schweizer Journalisten Tom Kummer, der jahrelang neu zusammengesetzte oder gleich komplett erfundene Interviews mit Hollywoodstars in deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, auch im SZ-Magazin, dessen damaliges Chefredakteurs-Duo nach der Enthüllung durch den Focus im Jahr 2000 entlassen wurde. Damals hatte der Begriff "Borderline-Journalismus" Konjunktur, mit dem versucht wurde, Kummers Fälschungen zur Kunstform umzudeuten. Was vor 18 Jahren noch leidlich gelang, funktioniert heute angesichts eines von "Fake News"-Vorwürfen und Auflagenrückgängen gekennzeichneten Gesellschafts- und Branchenklimas überhaupt nicht mehr. Der Journalismus steht unter immensem Druck, seine Glaubwürdigkeit zu beweisen und zu verteidigen, was die schnelle, entschiedene und schonungslose Aufarbeitung der Spiegel-Redaktion erklärt.

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