Claas Relotius beim "Spiegel" Im "inneren Terror" gelebt

Beim Spiegel stellt man sich darauf ein, dass es Monate dauern werde, das volle Ausmaß zu überblicken.

(Foto: Getty Images)
  • Das Ausmaß der Fälschungen, die Claas Relotius beim Spiegel veröffentlicht hat, ist bislang nicht bekannt.
  • Der 33-Jährige hat in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert und frei erfunden. Relotius selbst sagt laut Spiegel: "Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern."
  • Dirk Kurbjuweit, Mitglied der Spiegel-Chefredaktion, sieht "einen Menschen in einem absolut bedauernswerten Zustand". Eine Kommission soll Hinweisen auf Fälschungen nachgehen.
Von David Denk und Angelika Slavik

Claas Relotius hat im Alter von 33 Jahren schon mehr erreicht als viele Journalisten in ihrer gesamten Karriere. Einen Reporterjob beim Spiegel , Journalistenpreise und Geschichten, die so gut sind, so besonders, dass man glatt hätte neidisch werden können, wenn dieses Ausnahmetalent nicht so freundlich und bescheiden aufgetreten wäre. Relotius machte es Kollegen schwer, ihn nicht zu mögen. Seit Mittwoch ist klar: Viele seiner Geschichten waren zu schön, um wahr zu sein. Und Claas Relotius steht vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz.

Mittags informierten Chefredaktion und Geschäftsführung die Mitarbeiter im Spiegel-Gebäude darüber, dass Claas Relotius in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert und vieles frei erfunden hat. Der Reporter habe die Fälschungen zugegeben und das Haus verlassen.

Bislang wurde keine Strafanzeige gestellt, die Spiegel-Führung wollte das aber auch nicht endgültig ausschließen, eine Zivilklage hingegen schon.

In eigener Sache SZ-Magazin vom Fall Relotius betroffen
SZ-Magazin

In eigener Sache

SZ-Magazin vom Fall Relotius betroffen

Auch das "SZ-Magazin" hat im Jahr 2015 zwei manipulierte Interviews von Claas Relotius veröffentlicht, der umfangreiche Fälschungen im "Spiegel" eingestanden hat.

Bevor Claas Relotius vor eineinhalb Jahren Redakteur im Spiegel-Gesellschaftsressort wurde, war er freier Journalist, sodass auch weitere Medien betroffen sein könnten. Relotius schrieb seit 2011 knapp 60 Texte für den Spiegel und Spiegel Online und veröffentlichte 2015 auch zwei Interviews im Magazin der Süddeutschen Zeitung. "Wir prüfen den Wahrheitsgehalt in beiden Fällen derzeit", sagt Chefredakteur Timm Klotzek. "Die Texte werden ins Englische übersetzt und den damaligen Interviewpartnern zur Überprüfung vorgelegt."

Erst am 3. Dezember war Relotius für eine Spiegel-Geschichte zum vierten Mal mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet worden: "Ein Kinderspiel" erzählt von einem syrischen Jungen, der im Glauben lebt, durch einen Streich den Bürgerkrieg im Land mitausgelöst zu haben. Die Jury, besetzt mit wichtigen Journalisten des Landes, würdigte damit einen Text "von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert". Ein Halbsatz, der nun in sich zusammengefallen ist. Die Jury kündigte an zu beraten, ob Relotius "seine vier Reporterpreise aberkannt werden".

Das ganze Ausmaß der Manipulationen ist bislang nicht bekannt, und Relotius besteht darauf, zwischen den Fälschungen auch einwandfreie Geschichten veröffentlicht zu haben. Eine Darstellung, der man kritisch gegenüberstehen müsse, sagte der designierte Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann. Es werde Monate dauern, um das volle Ausmaß zu überblicken.

Der Spiegel ging am Mittwoch in die Offensive, indem er parallel zur Mitarbeiterversammlung eine umfangreiche Rekonstruktion von Ullrich Fichtner, designiertes Mitglied der Chefredaktion und selbst vielbepreister Reporter, sowie "die Antworten auf die wichtigsten Fragen" ins Netz stellte. Demnach ist es Relotius' Kollegen Juan Moreno zu verdanken, dass der systematische Betrug aufflog. Bei der gemeinsamen Recherche zu "Jaegers Grenze", einer Reportage über eine US-Bürgerwehr an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, erschienen im November, wurde Moreno misstrauisch und schilderte den verantwortlichen Redakteuren seine Bedenken. "Anfangs rannte er gegen Wände wie ein Whistleblower, dem nicht geglaubt wird", schreibt der Spiegel selbstkritisch.