Presseschau zu Mays Niederlage "Die EU sollte die Arme jetzt weit öffnen für die Briten"

Die Medien weltweit sind sich einig: Diese Niederlage im britischen Parlament war verheerend für Theresa May. Doch einige sehen darin eine Chance. Die internationale Presseschau.

Der linksliberale, britische Guardian spricht von einem "harten Schlag für die Autorität der Premierministerin".

"Unter den gegebenen Umständen findet sich im Parlament keine Mehrheit für irgendeine der vorgeschlagenen Verhandlungslösungen mit der EU. Das könnte zu einem Desaster führen: dass Großbritannien ohne Deal aus der EU fällt. Deshalb müssen die Abgeordneten diese Option ausschließen. Verfassungsinstrumente wie Bürgerversammlungen (...) oder ein zweites Referendum würde es den Parteiführern erlauben, ihre Parteien zusammenzuhalten, und es würde dem, was dann entschieden wird, Legitimität verleihen. Sie wären nicht undemokratisch, sondern würden die Demokratie eher stärken."

Im konservativen Telegraph ist davon zu lesen, wie lange Theresa May die Lage schon missverstanden habe.

"Was Frau May grundsätzlich nicht verstanden hat, ist, dass man zur Umsetzung des Referendums klar mit Europa brechen muss. Das erfordert, sich für eine Seite zu entscheiden und sich für sie einzusetzen. Ihr Versuch, alle - einschließlich Brüssel - zufriedenzustellen - hat am Ende niemanden zufriedengestellt. Das Ausmaß ihrer Niederlage ist der Beweis."

Als auffälligste Titelseite gilt das Cover des Boulevardblatts The Sun. Unter einer Collage des inzwischen ausgestorbenen Vogels Dodo und dem Gesicht Theresa Mays steht: "Brextinct" (also eine Mischung aus Brexit und "extinct" für ausgestorben). Und weiter: "Mays Brexit-Deal ist so tot wie ein Dodo".

Hier finden sie eine Sammlung britischer Titelblätter, die der Guardian zusammengestellt hat.

Die New York Times schreibt, Großbritannien brauche dringend eine Führung. "Nach einem historischen Brexit-Votum braucht das Land ein Wunder an staatsmännischen Fähigkeiten. Schade, dass es Theresa May und Jeremy Corbyn hat. ( ... )"

"Keine Partei hat genug Stimmen, um diese Entscheidung allein zu treffen. Die Frage ist nun, ob die Führung auf beiden Seiten den Willen, die Phantasie oder den Charakter hat, um sich gegenseitig zu erreichen und eine No-Deal-Katastrophe zu vermeiden. In ihrer Karriere gibt es nichts, was darauf schließen lässt."

Die Washington Post nennt Mays Niederlage eine "historische parlamentarische Erniedrigung". Aber nicht nur für die Premierministerin, sondern für das ganze politische System Großbritanniens.

"Der Brexit war ein katastrophales politisches Versagen. Dieser schlampige, unbeliebte Deal, die unbeliebteste Regierungsstrategie überhaupt stammt von Politikern, die ignorant sind - gegenüber Europa, den Europäern, Handelsvereinbarungen, Institutionen - und arrogant, indem sie Expertise und Knowhow missachten. Diese Anführer bevorzugten Identitätspolitik gegenüber wirtschaftlichen Interessen und "Souveränität" gegenüber den wirklichen Institutionen, die Großbritannien Einfluss und Macht verleihen."

Die italienische Zeitung La Repubblica sieht Großbritannien nach dem Votum als "abdriftende Insel".

"Und jetzt? Wo wird das Vereinigte Königreich enden? Nach dem historischen Rückschlag, den Premierministerin Theresa May im Parlament von Westminster erlitten hat, wird die Frage wörtlich genommen: Das Abkommen, über das zweieinhalb Jahre mit der Europäischen Union verhandelt wurde, wurde abgelehnt. Und Großbritannien gleicht einer abdriftenden Insel. Der Brexit scheint zurück an seinem Ausgangspunkt zu sein. Es gibt viele Spekulationen, aber keinerlei Sicherheit. Alles scheint möglich."

Die in Straßburg erscheinende große Regionalzeitung Les Dernières Nouvelles d'Alsace schreibt, Premier May sei die "erniedrigte" Hauptdarstellerin einer "Posse".

"Alle Zutaten einer Posse oder eines Dramas sind nunmehr vereint. Mit Theresa May in der Hauptrolle. Eine fluchbeladene Heldin, die allen Widerständen zum Trotz am Ruder eines abdriftenden Schiffes verbleibt. (...) Es gibt wohl in der westlichen West keinen Regierungschef, der so erniedrigt, verurteilt und verraten wurde wie die britische Premierministerin. Und dennoch gibt sie nicht auf. Hundert Mal hat man sie am Boden gesehen. Hundert Mal ist sie wieder aufgestanden - und keiner weiß, ob es sich um Mut oder Leichtfertigkeit handelt."

In der Neuen Zürcher Zeitung ist klar, dass es beim Brexit "zurück auf Null" gehe und dass May freiwillig nicht abtreten werde.

"Erstens würde die Krise kaum gemildert, wenn in den nächsten Wochen Neuwahlen stattfinden müssten. Zweitens führte das Parlament 2011 eine Gesetzesänderung ein, die fixe Legislaturperioden von fünf Jahren vorsieht. Der demokratischen Tradition steht somit der Buchstabe des Gesetzes entgegen. Das könnte noch zu einer Verfassungskrise führen."

Nach Mays Niederlage ist es nun "Zeit, auf den Pauseknopf zu drücken", meint die belgische Zeitung De Morgen.

"Das britische Volk muss neu wählen können, welche Politiker den gordischen Knoten entwirren. Danach sollten sich auch in einer Volksabstimmung dazu äußern können, ob es weitergehen soll mit dem Brexit oder die Sache abgeblasen wird."

Die schwedische Boulevardzeitung Expressen sieht in Mays Niederlage eine Chance für eine "glücklichere Scheidung".

"Die EU sollte die Arme jetzt weit öffnen für die Briten. (...) Die Chancen für eine Lösung, bei der das Vereinigte Königreich in Zukunft enger mit der EU zusammenarbeitet, beispielsweise durch einen Verbleib in der Zollunion, haben zugenommen. Brexit-Hardliner argumentieren, dass dieser Weg die Freiheit Großbritanniens in inakzeptabler Weise einschränken würde, insbesondere im Handel. Das Referendum gab jedoch keine Antwort darauf, wie die zukünftige Beziehung des Landes zur EU aussehen sollte."

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