ARD-Weihnachtsfilm "Die Puppenspieler" ist süßsaurer Mittelalterkitsch

Brennt für die Hexenverfolgung: Inquisitor Heinrich Institoris (Philipp Moog).

(Foto: Václav Sadílek/Ziegler Film/ARD Degeto)

Der neueste ARD-Weihnachts-Zweiteiler erzählt drei Stunden lang von Inquisition, Folter, Mord und religiösen Finstermännern aus dem 15. Jahrhundert - aber das ziemlich zäh und kraftlos.

Von Willi Winkler

Im alten deutschen Fernsehen war keineswegs alles gut, aber der Weihnachtsfilm am besten. Der Weihnachtsfilm kam immer nach Weihnachten, war eine Miniserie und folgte den Abenteuern von Nat Bumppo, genannt Lederstrumpf, von Friedrich von der Trenck, der unter dem Preußen-Friedrich litt, oder, noch besser, von Kapitän Wolf Larsen. Raimund Harmstorf spielte ihn und hatte so unglaublich viel Kraft, dass er eine rohe Kartoffel in der Faust zerdrücken konnte. Der Weihnachtsfilm war ein Film für Männer.

Der neueste Weihnachtsfilm ist für alle und für alle nichts Gescheites. Die Geschichte von den Puppenspielern, die heute und morgen in der ARD läuft, geht auf einen Historienroman von Tanja Kinkel zurück, den die Drehbuchautoren Kathrin Richter und Jürgen Schlagenhof zum süßsauren Mittelalterkitsch vollendet haben: Lockenkopf hat alleinerziehende mandeläugige Mama mit muslimischem Migrationshintergrund, die heilende Hände besitzt, aber des lasterhaften Umgangs mit dem Teufel bezichtigt und daher auf schauerliche Weise verbrannt wird. Lockenkopf muss das mit ansehen und schwört Rache.

Inquisition, Folter, Mord, religiös begründetes Finstermannstum - damit hätte es gut sein können, ein Zweiteiler braucht jedoch mehr, damit ihn ARD-Programmchef Volker Herres als "ebenso spannend wie emotional" anpreisen kann. Die ARD ist ein Bildungssender, deshalb müssen an zwei an sich harmlosen Abenden gleich ganze "Epochen" aufeinandertreffen. Zu diesem edlen Behufe wird die emotionale Geschichte ins allenfalls im Rückblick spannende Jahr 1492 gepresst, als Kolumbus in Amerika ankam.

Das ist zwar für dieses Weihnachtsfestspiel ohne Bedeutung, liefert dem dichtenden Programmdirektor aber einen "Wendepunkt in der Geschichte". Damit diese Geschichte sich auch wirklich wendet, muss vor allem ein bestimmter Puppenspieler ins bunte Treiben eingreifen, nämlich der Kaufmann Jakob Fugger aus Augsburg. Der verfügte 1492 noch über sehr wenig Macht und hatte ganz gewiss keinen Anteil an der Wahl Rodrigo Borgias zum berüchtigten Papst Alexander VI., aber egal - der Zuschauer soll "tief eintauchen in die Welt des 15. Jahrhunderts".

Frauen werden an Pfähle gebunden. Die Dialoge sind von kongenialer Dämlichkeit

Leider wird es nichts mit diesem Tauchgang. Dass Fugger sich neben all seinen Geschäften auch noch mit Feuereifer dem Kampf gegen die Verfolgung so genannter Hexen gewidmet haben soll, mag glauben, wer will. Die Inquisition liefert halt einfach schöne Bilder, und die Aussicht, eine Frau an einen Pfahl zu binden und barbarisch zu verbrennen, war wohl zu verlockend, um darauf zu verzichten. Die Dialoge sind von kongenialer Dämlichkeit ("Dein Herz ist schwer von Rache" - "Ich bringe zu Ende, was ich angefangen habe"), wenn nicht gleich der Leitartikel dröhnt: "Diese päpstliche Bulle", nämlich die Hexen-Bulle "Summis desiderantes affectibus" (Mit größter Begierde verlangend), "ist eine Vollmacht zur Menschenjagd."

Das Puppenspiel kommt dann doch zu kurz. Dafür zieht sich das Verhandeln um Papst und Reich und Silber und Gold elendiglich, aber zum Glück taucht wieder eine Frau mit Migrationshintergrund auf ("Das Schicksal hat uns zusammengeführt"), der Lockenkopf verliebt sich in diese jüngere Ausgabe seiner Mutter ("So etwas wie Schicksal gibt es nicht"), vergisst dabei nicht seine Mission, weißer Rauch steigt auf, ein neuer Papst ist da, Halleluja. Dagegen wandelt jede Wanderhure auf goethischen Pfaden.

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Die Schauspieler, die in den Augsburger und römischen Kulissen herumstehen müssen, die sich in Tschechien fanden, sind für ihren Einsatz in diesem zähen Werk nur zu bedauern. Herbert Knaup als Fugger investiert, kauft, schmiert und verheiratet zwar tapfer, schaut aber dabei so desinteressiert, als wäre er mit dem Kopf nicht bei legendären Marktbeherrschungsplänen, sondern bei der Frage, wie er in der Drehpause an eine Leberkässemmel kommt. Einzig Ulrich Matthes blitzt die Spiellust aus den Augen; er darf ja auch den durchtriebenen Borgia-Papst vorführen. Nach insgesamt drei Stunden ist der Tauchgang in die Geschichte glücklich vorbei und der Weihnachtsfilm auch. Historisch betrachtet steckte in der Kartoffel, die damals arg unter dem Zugriff Harmstorfs leiden musste, mehr dramatische Kraft als in den ganzen Puppenspielern.

Die Puppenspieler, Das Erste, "Aus dem Feuer", 20.15 Uhr; "Ans Licht", 28. Dezember, 20.15 Uhr.