ARD-Krimi Dresdner "Tatort": Kampfzone Volksmusik

In "Auf einen Schlag" ist es sehr unterhaltsam, Alwara Höfels (r.) und Karin Hanczewski beim Genervtsein zuzusehen.

(Foto: MDR/Andreas Wünschirs)

Es wird gesungen, gelogen und ein Schädel mit einer vergoldeten Henne malträtiert. Der neue "Tatort" aus Dresden ist erstklassig besetzt und lässig erzählt. Wenn da nur nicht dieser Überehrgeiz wäre.

TV-Kritik von Holger Gertz

Das neue Team aus Dresden bietet ungefähr das Aufregendste auf, was das Darstellertableau in Deutschland im Moment hergibt. Martin Brambach als Kommissariatschef Schnabel. Alwara Höfels und Karin Hanczewski als Ermittlerinnen Sieland und Gorniak. Jella Haase als Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr; ein Name, der dem Oberboss Schnabel Gelegenheit gibt, entsprechende Witze anzubringen. "Frau Mohr kann den Neger noch'n bisschen heller ziehen", sagt der Mann, der sehr im Gestern hängengeblieben ist, was sich auch daran ablesen lässt, dass ihm ein Café Cinnamon Latte (4,95 Euro) vorkommt wie ein überteuertes Versprechen aus der Zukunft.

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Ralf Husmann (Stromberg) ist ein großartiger Drehbuchautor und Menschenleser, der Mordfall ist in der Parallelwelt der Volksmusik angesiedelt, also: geboten ist das volle Programm. Zu Tode gekommen ist Toni von "Toni & Tina". Es tritt außerdem die Musikantin Laura auf, von "Laura & Linda", und eine Frau gibt zu, mit dem einen Berger von "Berger & Berger" genauso etwas gehabt zu haben wie mit dem anderen Berger von "Berger & Berger". Ein Jammer-Ossi wagt sich ans Licht, mit schönem Gruß an alle Jammer-Ossis. Es wird gesungen ("Du bist mein Fünfer im Lotto, und wir leben nur von Liebe, Luft und Plinsen), es wird gelogen, denn dass es sich bei der Volksmusikbranche um eine Kampfzone handelt, ist eine - Achtung - Plinsenweisheit, aber deshalb nicht weniger wahr. Und wer mit der Goldenen Henne einen über den Schädel gezogen gekriegt, ist ja erst recht erledigt.

Von Volksmusik, nicht von Viren verseucht

Im Schattenreich der Volksmusik, auch das erzählt die Episode "Auf einen Schlag", reicht es, den alten Scheiß in neuen Tüten zu liefern. Im Dresdner Tatort wollen sie spürbar nicht den alten Scheiß noch mal bringen, also: den Tatort Münster abkupfern. Den Dresdnern geht es darum, mit dem Klischee zu spielen, sich dem Klischee aber nicht auszuliefern, weshalb Alwara Höfels als Kommissarin Sieland zwar breitbeinig durchs Panorama stiefelt, aber immer auch wahrhaftige Wärme abstrahlt. Eine Doppelbödigkeit, um die sich die Clowns aus Münster nie bemühen mussten. In Dresden wollen sie Härte und Herzlichkeit in Beziehung setzen, das ist ein gewisser Anspruch.

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Es ist der erste Fall, und vieles ist schon lässig erzählt: Die Computer der Verdächtigen sind nicht von Viren verseucht, sondern von Volksmusik, die aufpoppt und dann nicht mehr abzuwürgen ist. Sehr unterhaltsam, Höfels und Hanczewski beim Genervtsein zuzusehen. Im etwas überehrgeizigen Bemühen, sich vom Komödienformat zu emanzipieren, entwickelt sich gegen Ende allerdings alles sehr rasant vom Leichten zum Schweren, sogar die Mohr hat - Achtung - ihre Schuldigkeit getan. Allen anderen bleibt ja noch Zeit, sich zu finden.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.